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Interview mit dem Experten der heimischen Amphibienwelt Michael Hug

Michael Hug, Experte der heimischen Amphibienwelt, wurde von Maria Pathe und Linda Bertet, FÖJ der Stadt Rastatt, interviewt.

 

Kontaktdaten

Institut für Landschaftsökologie und Naturschutz (ILN) Bühl

Sandbachstr. 2, 77815 Bühl

Telefon: (07223) 9486-12, Fax: (07223) 9486-86

E-mail: michael.hug (at) ilnbuehl.de

 

Was machen Sie beruflich?

Ich bin Wissenschaftlicher Angestellter und Stellvertretender Institutsleiter beim Institut für Landschaftsökologie und Naturschutz (ILN) in Bühl.

 

Woher kommt ihr Interesse an Amphibien?

Durch meinen Vater habe ich in meiner Jugend eine Menge Kontakt zur Natur bekommen. Er war sehr naturverbunden und wir verbrachten viel Zeit draußen, wo ich mehr und mehr mit der heimischen Tier- und Pflanzenwelt vertraut wurde. Ich fing an, Schmetterlinge zu fangen und diese zu präparieren.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich im heutigen Naturschutzgebiet Bruchgraben in Sandweier unterwegs war und dort meinen ersten Bergmolch erspähte. Kurzerhand funktionierte ich mein selbstgebautes Schmetterlingsnetz in einen Amphibienkescher um. Ich war so fasziniert, dass ich bald darauf Terrarien mit fast allen einheimischen Amphibien und Reptilien besaß.

Dabei galt mein Interesse immer den einheimischen Arten. Damals gab es zwar auch schon spezielle Terraristikhandlungen und Zoofachgeschäfte, allerdings interessierten mich Leguane und Co eher weniger.

Mein Interesse galt den Kammmolchen, Knoblauchkröten, Wechselkröten, Zauneidechsen, Feuersalamandern, bis hin zu Schlingnattern. Heute wäre das Halten all dieser Tiere aufgrund der artenschutzrechtlichen Bestimmungen nicht mehr vorstellbar. Wenn ich so zurückblicke, war das für mich eine äußerst spannende Zeit.

 

Haben Sie die Tiere alle selbst gefangen?

Ja, alle meine Terrarienbewohner und deren Futtertiere habe ich mit einem Freund aus der Nachbarschaft selbst gefangen. Die Schlingnattern fütterten wir mit lebenden Zauneidechsen, für andere Tiere gingen wir Heuschrecken und Grillen fangen.

 

Was fasziniert Sie an Amphibien besonders?

Grundsätzlich finde ich die amphibische Lebensweise sehr spannend. Ein Amphib ist während der Paarungszeit im Wasser ein äußerlich sehr attraktives Tier. Man stelle sich einen Kammmolch mit seiner gezackten Rückenflosse vor oder ein blaues Bergmolchmännchen mit orangefarbenem Bauch. Ist die Hochzeit vorüber, wandeln sie sich zu braunen und unscheinbaren Tierchen, die man selten zu Gesicht bekommt. Mich fasziniert dieser Wechsel vom grauen Nichts zu einem bunten, schillernden und teilweise auch tönenden Tier. Auch der Entwicklungszyklus vom Laich im Wasser bis hin zur Umstellung von Kiemen- auf Lungenatmung hat mich immer sehr interessiert.

 

Welche Amphibienarten gibt es und was unterscheidet sie?

Es gibt bei uns Schwanz- und Froschlurche. Die Froschlurche wiederum lassen sich in Frösche, Kröten und Unken unterteilen. Schwanzlurche besitzen, wie der Name schon sagt, einen Schwanz, wie beispielsweise Bergmolche. Außerdem gibt es noch lebendgebärende Salamander, die sich von den ablaichenden Tieren unterscheiden.

 

Wovon ernähren sich Amphibien?

Erwachsene Amphibien sind reine Fleischfresser. Im Larvenstadium ernähren sie sich in erster Linie von ihrem eigenen Laich oder dem von anderen Amphibien. Ansonsten fressen sie kleine Wasserinsekten. An Land schmecken ihnen Schnecken und jegliche Insekten, da sie auf tierisches Eiweiß angewiesen sind.

 

Wie funktioniert die Atmung der Amphibien?

In der Larvalphase sind sie reine Kiemenatmer. Mit dem Übergang an Land verändert sich die Atmung hin zur Lungenatmung. Daneben haben sie teilweise noch die Möglichkeit der Hautatmung, mit der sie Extremsituationen aushalten können.

 

Wie hoch ist die Lebenserwartung von Amphibien?

Ich denke, dass Amphibien sehr alt werden können. Kröten erreichen durchaus ein Alter von 10 Jahren.

 

Wie schützen sich Amphibien vor ihren Fressfeinden?

Da gibt es wirklich tolle Strategien. Viele besitzen Drüsen, die ein Hautsekret ausscheiden können, das Fressfeinde abschreckt. Dann gibt es noch den Schockeffekt. Die Gelbbauchunke zum Beispiel macht sich bei Gefahr ganz dünn und platt und wölbt ihren gelben Bauch nach oben. Die Erdkröte kann sich aufblähen und Größe vortäuschen.

 

Sind Amphibien gefährdet und warum?

Ja, von wenigen Ausnahmen abgesehen sind alle einheimischen Arten entweder bedroht, stark gefährdet oder gefährdet.

Ursachen sind in erster Linie Veränderungen im Lebensraum oder Lebensraumzerstörung. Amphibien brauchen eine Dynamik in der Landschaft; das immer wieder neue Entstehen von Gewässern wie es zum Beispiel in den Rheinauen der Fall ist. Da gibt es heute große Defizite.

Durch die Kanalisierung von Fließgewässern, durch Landwirtschaft und durch die Verlandung von künstlich angelegten Teichen gehen Laichgewässer verloren. Ein Problem ist auch die Zerschneidung unserer Landschaft durch Straßen, denn bei der Wanderung vom Landlebensraum zum Wasser kommt es zum klassischen Amphibientod auf den Straßen.

Mittlerweile wird viel dagegen getan, es gibt Sammelaktionen und Krötenzäune, aber früher war das ein regelrechtes Massensterben.

Viele Amphibien sind heute auf sekundäre Lebensräume wie Steinbrüche, Kiesgruben und Truppenübungsplätze ausgewichen wo es die Dynamik, die sie benötigen noch gibt. Dort schaffen schwere Maschinen verdichteten Untergrund und offene Bodenstellen. Es bilden sich temporär Lehmpfützen, die zum Beispiel die Gelbbauchunke als Pioniergewässer nutzt.

Mit dem Abzug der allierten Streitkräfte und Aufgabe von Truppenübungsplätzen findet diese regelmäßige Bodenverdichtung nicht mehr statt und die Tümpel wachsen zu. Damit entfällt der Lebensraum für die Art.

 

Wie kann man der Gefährdung entgegenwirken?

Die bekannten Vorkommen müssen geschützt werden. Dafür macht man Analysen darüber, wo es Amphibien gibt und wo die Defizite bestehen. Wichtig ist das Erkennen von Straßenproblemzonen, wo man Durchlässe baut, sodass die Kröten unter den Straßen hindurch zu den Laichgewässern wandern können. Außerdem kann man helfen, sowohl die Laich- als auch die Landlebensräume zu erhalten.

 

Welche Arten von Amphibien gibt es hier im Rastatter Raum?

Mit Ausnahme der Geburtshelferkröte und des Alpensalamanders leben hier alle Amphibien, die es in Baden Württemberg gibt.

Das haben wir der Nähe zum Rhein und der rezenten Auenlandschaft zu verdanken, die den entsprechenden Lebensraum bietet

 

Welche Art von Artenschutzarbeit für Amphibien haben Sie schon gemacht?

Das ILN arbeitet schon seit 26 Jahren in der Landschaftsökologie und im Naturschutz. Wir haben in dieser Zeit immer wieder Gewässer umgestaltet und renaturiert, zum Beispiel am Federbach im Kreis Rastatt.

Südlich von Rastatt gibt es eine sehr engagierte ehrenamtliche Naturschutzgruppe, die INI, die in den 70ern, der Zeit der Feuchtgebietsentstehungen, einige Amphibiengewässer angelegt hat, die mit der Zeit verlandet sind. Mit Förderung der Umweltstiftung Rastatt haben wir eine Bestandsaufnahme gemacht und dann ein Handlungskonzept entwickelt, um sie zu sanieren.

Das Konzept wurde sukzessive umgesetzt und wir hatten sehr großen Erfolg damit. Schlagartig wurden diese Gewässer von Amphibien in Beschlag genommen. Weit über 150 Laichballen des Springfrosches wurden gefunden, Kammmolche und Geburtshelferkröten.

In kürzester Zeit, bereits zwei Jahre nach der Umgestaltung, konnten wir fast alle Arten wieder nachweisen, die im Raum Rastatt gemeldet sind. Für die Stadt Rastatt haben wir im letzten Jahr auch ein solches Konzept gemacht, das jetzt in die Umsetzung gehen wird.

 

Gibt es ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Das Erstellen des Konzeptes und die letztendliche Umsetzung des Projektes in Iffezheim liegen mir am Herzen. Das großartige daran war, dass man das den Erfolg hinterher deutlich erkennen konnte. Deshalb war und ist das für mich ein herausragendes Ereignis.

Es ist faszinierend, ein Amphibiengewässer neu zu planen und hinterher zu sehen, dass es von den Tieren tatsächlich angenommen wird.

 

Haben Sie eine nette Anekdote für unsere Leser?

Wie bereits berichtet, habe ich als kleiner Junge Tiere mit nach Hause gebracht und diese z.T. in Freilandterrarien verbracht. Immer wieder sind einige der Tiere entwischt. Lustig war es für mich in dieser Zeit immer, wenn die Nachbarn aufgeregt nach mir riefen, weil sie eine große Schlange in ihrem Garten gesehen hatten. Dabei handelte es sich um „meine“ harmlosen Ringelnattern.

Für mich waren es auch immer spannende Momente, wenn wir unseren Tieren lebendes Futter gefangen haben und zusehen konnten, wie es vertilgt wurde. Heute ist das alles aufgrund des Artenschutzes nicht mehr möglich.

Das stimmt mich nachdenklich, weil ich meinen Zugang zu den Amphibien durch solche faszinierenden Erlebnisse gefunden habe. Heute darf man keinen Laich und auch keine Tiere mehr mit nach Hause nehmen. Ich weiß von Kollegen aus dem Naturschutz, dass einige von ihnen ihre ersten Begegnungen mit dem Artenschutz über Amphibien machten.

Das liegt wohl an der Überschaubarkeit dieser Artengruppe und daran, dass Amphibienschutz in den 70ern ein großes Thema war.

 

Ist Amphibienschutz in Ihren Augen heute noch Thema?

Auf jeden Fall. Ich habe auch den Eindruck, dass er eine Renaissance erlebt.

 

Links:

>> www.ilnbuehl.de

>> www.in-iffezheim.de

 

Ergänzung der Umweltstiftung Rastatt:

Die in Baden-Württemberg vorkommenden Amphibien (von denen nur die Geburtshelferkröte und der Alpensalamander nicht im Verwaltungsraum Rastatt leben) können mit Fotos, Kurzbeschreibungen, Verbreitungsgebiet, Gefährdungsstatus etc. >> hier auf der Webseite der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) angesehen werden. 

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