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Fleischfarbenes Knabenkraut (Dactylorhiza incarnata)

Das Fleischfarbene Knabenkraut - Pflanze des Monats Mai 2015

Eine Schönheit in unseren nährstoffarmen Sumpfwiesen

Fleischfarbenes Knabenkraut (Dactylorhiza incarnata), Foto: Helmut Läpple

Zur Pflanze des Monats Mai hat die Umweltstiftung Rastatt eine Art aus der Familie der Orchideen (Knabenkraut-gewächse) gekürt, das Fleischfarbene Knabenkraut (Dactylorhiza incarnata).

Für die Umweltstiftung Rastatt hat Helmut Läpple diese Pflanze portraitiert. Helmut Läpple ist ausgewiesener Kenner der europäischen Orchideen. Bereits im Jahr 1996 hat er die Abhandlung „Orchideen im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden – ein Beitrag zur Kartierung der Orchideen in Baden-Württemberg verfasst.

Beim Fleischfarbenen Knabenkraut handelt sich um eine Pflanze, die auf feuchten bis wechselfeuchten, nährstoffarmen Wiesen, Kalkflachmooren und Streuwiesen gedeiht.

Die Hauptblütezeit bei uns erstreckt sich von Mitte Mai bis Ende Juni.

Die Pflanze besitzt zwei unterirdische Wurzelknollen, die fingerförmig in zwei bis mehrere Abschnitte geteilt sind. Darauf nimmt auch der wissenschaftliche Gattungsname Dactylorhiza Bezug, der sich aus den griechischen Wörtern dactylos (= Finger) und rhiza = (Wurzel) zusammensetzt. Auch der zweite gebräuchliche deutsche Name, Fingerwurz, bezieht sich auf den Bau der Wurzel.

Der Stängel ist aufrecht, hohl, hellgrün, leicht kantig und kann eine Höhe von 60 cm erreichen. Im oberen Bereich ist er mitunter purpurrot überlaufen. 5 bis 8 grüne, stets ungefleckte, steif aufwärts gerichtete Laubblätter sind gleichmäßig am Stängel verteilt, längs gefaltet und an den Spitzen kapuzenförmig zusammen gezogen.

Der Blütenstand kann eine Länge bis 12 cm erreichen und ist mit bis zu 60 kleinen Blüten dicht besetzt. Diese sind hell- bis dunkelfleischfarben, worauf sich der deutsche wie auch der wissenschaftliche Artname bezieht, incarnata (lat.) = fleischfarben. Ganz selten kommen auch rein weiß blühende Pflanzen vor. Wie die Blüten bei allen Orchideen-Arten, so gibt es auch hier sechs Blütenblätter, wobei eines, das größte, als Lippe bezeichnet wird und als Landeplatz für bestäubende Insekten dient. Sie ist ca. acht mm lang, schwach dreilappig und meist längs gefaltet. Im Zentrum ist die Lippe heller gefärbt und weist ein feines dunkelrotes einfaches oder doppeltes Schleifenmuster auf. Drei weitere Blütenblätter sind helmartig über der Lippe zusammengeneigt, während die restlichen beiden rechts und links von diesem Helm flügelartig nach oben abstehen. Am hinteren Teil der Lippe befindet sich ein kurzer, konischer Sporn, der waagerecht bis leicht aufwärts gerichtet ist. Er enthält keinen Nektar, die Pflanze ist also, wie alle Knabenkräuter, eine Nektartäuschblume, die ihren Bestäubern keine Belohnung anbietet. Die Tragblätter unter den Blüten sind grün, oft purpurn überlaufen und die unteren deutlich länger als die Blüten.

Daktylorhiza incarnata, Foto: Helmut Läpple

Das Verbreitungsgebiet des Fleischfarbenen Knabenkrauts umfasst weite Teile Europas. Von Irland und Großbritannien im Westen, Skandinavien im Norden, Südostspanien und Norditalien im Süden, und dem nördlichen Bereich des Balkans ist die Art bekannt. Im Osten dringt sie weit in den europäischen Teil Russlands vor. Auch in der Nordtürkei kommt die Art vor.

In Deutschland befinden sich die Verbreitungsschwerpunkte im Alpenvorland, im Oberrheintal sowie im nordostdeutschen Tiefland.

Im Landkreis Rastatt sind nur wenige Vorkommen bekannt. In einer Pfeifengraswiese in der Nähe von Greffern kommen alljährlich einige Dutzend Pflanzen zur Blüte. (Auf demselben Standort kommen übrigens noch weitere fünf Orchideen-Arten vor). Auf einem kleinen Wiesenstück bei Elchesheim, sowie in der Nähe des Wintersdorfer Sportplatzes kann man jeweils einige Exemplare finden. Einen schönen Bestand gibt es auf einer Stromtalwiese bei Plittersdorf, wo sich durch Pflegemaßnamen von Stadt Rastatt und Fischergilde Plittersdorf die Art sich in den letzten Jahren sogar vermehren konnte. Das Hauptvorkommen im Landkreis, wo in manchen Jahren mehr als hundert Pflanzen blühten, befand sich südlich des alten Zollhauses bei der Wintersdorfer Rheinbrücke. Durch den Bau einer riesigen Freiland-Fotovoltaikanlage ist dieses Vorkommen inzwischen vernichtet.

In Baden-Württemberg ist das Fleischfarbene Knabenkraut als „gefährdet“ eingestuft. Entwässerung oder Düngung von Feuchtwiesen, Aufforstung, intensive Beweidung sowie Überbauung nehmen dieser Art zunehmend den Lebensraum. Die noch bestehenden Vorkommen können nur durch sachgerechte Pflege erhalten werden. Eine zeitgerechte Mahd (im August nach der Samenreife) sowie Entbuschungsmaßnahmen, wie es in vorbildlicher Weise auf dem Plittersdorfer Standort praktiziert wird, können zum Erhalt der Art beitragen. Von solchen Pfegemaßnahmen profitieren nicht zuletzt auch andere seltene Pflanzen- und auch Tierarten, die auf solche spezielle Standorte angewiesen sind. Es erübrigt sich eigentlich der Hinweis, dass in Deutschland alle Orchideen-Arten unter Naturschutz stehen. Also anschauen ja – pflücken oder gar ausgraben nein!

 

Text und Fotos ©:

>> weitere Infos im Interview mit Helmut Läpple

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