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Interview mit Wolfgang Reinhard, Betreuer der Flussseeschwalbenkolonie am Wörthfeldsee in Rastatt-Plittersdorf

Wolfgang Reinhard

Wolfgang Reinhard, Betreuer der Flussseeschwalbenkolonie am Wörthfeldsee bei Plittersdorf, wurde am 02.10.2014 von Priska Dübner und Yannik Werner vom Freiwilligen Ökologischen Jahr der Stadt Rastatt interviewt.

 

Kontaktdaten (privat)

Wolfgang Reinhard, Winterhalde 11, 76534 Baden-Baden

Telefon: (07221) 70611

E-mail: wkm.reinhard(at)web.de

 

Können Sie uns Ihren beruflichen Werdegang schildern?

Ich habe Agrarbiologie studiert, wobei mich die Verbindung von Wissenschaft und landwirtschaftlicher Praxis angesprochen hat. Nach meinem Studium habe ich am Institut für Bodenkunde in Hohenheim gearbeitet.

Nach einer mehrjährigen Arbeitspause wechselte ich 1988 zum Internationalen Bund und betreute dort das 'Öko-Mobil', ein Projekt gegen Jugendarbeitslosigkeit. Hier können Jugendliche, die ohne Lehr- oder Arbeitsstelle sind, unter fachkundiger Anleitung im Bereich des Naturschutzes und der Landschaftspflege arbeiten, an einem wöchentlichen Unterrichtstag lernen etwas Geld zu verdienen und Hilfe bei der Suche nach einem festen Arbeitsplatz erhalten. Ich habe Arbeitsgruppen angeleitet und unterrichtet, Arbeitsaufträge für bis zu fünf Gruppen zwischen Offenburg und Bruchsal eingeholt und deren Arbeitseinsätze geplant. Diese soziale, ökologische, praktische und organisatorische Arbeit, die ich bis Ende 2005 ausgeübt habe, hat mich vielseitig gefordert und mir gut gefallen.

Seit 2006 habe ich einen landwirtschaftlichen Betrieb angemeldet und mache in geringem Umfang praktische Pflegearbeiten für den Naturschutz. Parallel dazu arbeite ich mit etwa dem gleichen Zeitaufwand als freiberuflicher Biologe vor allem im Bereich des Artenschutzes. So habe ich auch ausreichend Zeit für meine Familie und meinen Sohn Rune, der Anfang 2006 geboren wurde.

Ehrenamtlich bin ich als Naturschutzbeauftragter im Stadtkreis Baden-Baden tätig.

 

Wie und wann kamen Sie zum Naturschutz?

Ich interessierte mich bereits in meiner Kindheit sehr für die Natur. Mein Vater war Biologe und dadurch habe ich mich schon früh Pflanzen und vor allem Tieren zugewandt. In der ersten Klasse hieß ich bei meinen Klassenkameraden auf gut badisch „der Schlongefonger“, weil ich auf dem Schulweg Blindschleichen gefangen hatte. Ein paar Jahre später haben mein Vater und ich sich um die Anlage von Tümpeln für Amphibien gekümmert. Sie bestehen noch, unter anderem ist hier heute noch ein wichtiges Vorkommen der Gelbbauchunke in Baden-Baden. Der Artenschutz ist mir ein wichtiges Anliegen.

 

Was sind Ihre Hobbies?

Unter anderem habe ich eine etwa einen Hektar große Wiese, die ich pflege. Ich bemühe mich eine blüten- und artenreiche Wiese zu schaffen und zu erhalten. Dort kommen einige seltene Schmetterlinge, Heuschrecken und andere Kleintiere vor und immer wieder tauchen auch neue seltene Arten auf, die sich hier anscheinend wohl fühlen. Das zu beobachten und zu sehen, wie ich den Tieren Lebensraum geben kann, freut mich. Außerdem treibe ich gerne viel Sport, vor allem in der Natur, beispielsweise: Schwimmen, Klettern, Ski fahren, Wandern, Kajak fahren, Segeln.

Foto: Luskasz Lukasik

Wie kamen Sie zu den Flussseeschwalben?

Das WWF-Aueninstitut hatte 1988 das oben geschilderte Projekt „Öko-Mobil“ mit dem Bau von Brutflößen für diese Vögel beauftragt. Seitdem habe ich diese Artenschutzmaßnahme jährlich betreut. 

 

Welche Maßnahmen führten/führen Sie für die Flussseeschwalben durch?

Wir haben Holzflöße in verschiedenen Größen gebaut, auf denen die Flussseeschwalben brüten können. Diese werden jeden Frühling mit dem Kanu auf die Seemitte hinausgezogen und jeden Herbst an das Seeufer gebracht und befestigt. Im Winter würden ansonsten Kormorane diese „künstlichen Inseln“ als Rastplätze und zum Trocknen ihres Gefieders nutzen und bevorzugt von dort Jagd auf Fische machen. Die Angler wären davon nicht sehr begeistert.

 

Haben Sie schon Erfolg mit den Brutflößen gehabt?

Seit 1988 haben jedes Jahr etwa 2 bis 15 Flussseeschwalbenpaare hier gebrütet. Das Jahr 2014 war das bisher erfolgreichste Brutjahr: Es sind etwa 30 bis 40 Jungvögel flügge geworden. Im Jahr 1997 gab es in Baden-Württemberg insgesamt circa 115 Brutpaare.

Foto: Rainer Deible

Wo kommen die Flussseeschwalben überall vor?

Die Flussseeschwalbe lebt auf der gesamten Nordhalbkugel an großen Flüssen und Seen. In Baden-Württemberg findet man sie vor allem an Rhein, Donau und am Bodensee.

 

Welche „natürlichen Feinde“ gibt es?

Vor allem andere Vogelarten. Nilgänse und Kanadagänse sind zwei invasive Arten, die sich in den letzten Jahren bei uns stark ausgebreitet haben. Sie nutzen die Brutflöße auch gerne zum Brüten und ich musste sie in den letzten Jahren vertreiben. Um sich besser verteidigen zu können, brüten Flussseeschwalben meistens in Kolonien, aber die Gänse waren zu groß und stark, um von ihnen selbst vertrieben werden zu können.

 

Welche Probleme sehen Sie für diese Tiere in unserer Region?

Das Hauptproblem für die Flussseeschwalbe ist, dass es ihren natürlichen Lebensraum nicht mehr gibt. Früher gab es über tausend kleine, kiesige, Inseln im Rhein, die jedoch mit der Begradigung verschwanden. Deshalb müssen künstliche Brutflöße den natürlichen Lebensraum ersetzen, ansonsten hätten diese Vögel keine Möglichkeit zu brüten und somit hätten sie auch hier in Baden-Württemberg keine Chance den Fortbestand ihrer Art zu sichern.

 

Kann man auch als Laie die Flussseeschwalben unterstützen?

Direkt unterstützen kann man die Flussseeschwalben nicht. Ein Interesse an ihnen ist jedenfalls sehr erwünscht. Am Wichtigsten ist aber, dass die Flussseeschwalben an ihren Brutplätzen nicht gestört werden.

Profi-Wissen?

Es gibt einige verschiedene Seeschwalbenarten:

  • Die >> Trauerseeschwalbe ist eine kleine Art und erscheint fast schwarz. In Polen habe ich sie einmal an einem Tieflandbach gesehen, wo sie ihr Nest auf die Schwimmblätter dichter Wasserpflanzenbestände baute. Sie kam früher auch bei uns am Rhein vor und ist in Baden-Württemberg ausgestorben.
  • Die >> Feenseeschwalbe hat dagegen ein rein weißes Gefieder, schwarze Augen und einen blauschwarzen Schnabel. Sie lebt in den Tropen und legt genau ein Ei und dieses in eine Mulde auf einem Ast oder einer Astgabel, und brütet es hier aus.
  • Die >> Rußseeschwalbe lebt in riesigen Kolonien auf kleinen Inseln im Indischen Ozean.
  • Die >> Raubseeschwalbe ist die größte Art. Sie greift sogar Menschen an, wenn sie sich gestört fühlt. Sie lebt unter anderem in Skandinavien und am Roten Meer. Als Tauchtourist im Roten Meer landete ich in einem Boot mit einer geführten Gruppe auf einer kleinen Insel und musste zu meiner Bestürzung erleben, wie Küken von Raubseeschwalben verstört zwischen den Füßen der Touristen umherliefen und versuchten sich in Sicherheit zu bringen. Leider konnte ich ihnen nicht helfen und ihre Eltern haben uns nicht angegriffen und vertrieben. Das ist einige Jahre her und ich hoffe, dass Tourismus und Naturschutz dort mittlerweile besser getrennt sind.

 

Was fasziniert Sie an der Flussseeschwalbe?

Die Flussseeschwalbe ist sehr elegant (eine „Sportwagenausgabe der Möwe“), sie fliegt so mühelos, dass sie fast zu schweben scheint. Zudem ist sie sehr vielseitig: sie beherrscht das Stoßtauchen, um Fische zu fangen und nimmt im Flug Insekten von der Wasseroberfläche auf. Sie fliegt um zu überwintern bis nach Südafrika. Seeschwalben rücksichtsvoll zu beobachten kann bei uns und weltweit ein besonderes Erlebnis sein. Man lässt sich gerne anregen, wenn das Leben so wundervolle Formen der Eleganz und der Leichtigkeit annimmt.

 

Kennen Sie noch weitere Quellen/weiteres Material, um sich über Flussseeschwalben zu informieren?

Im Artenschutzwerk 'Die Vögel Baden-Württembergs Nicht-Singvögel 2' kann man einiges zu diesen Vögeln lesen.

Foto: Lukasz Lukasek