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Interview mit Sascha Koslowski - Naturschutzfachkraft bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Rastatt

Sascha Koslowski

Sascha Koslowski, Naturschutzfachkraft bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Rastatt, wurde am 17.12.2012 von Ramona Müller und Melina Wochner vom Freiwilligen Ökologischen Jahr der Stadt Rastatt interviewt.

 

Kontaktdaten

Name: Sascha Koslowski

Adresse: Landratsamt Rastatt, Amt für Baurecht und Naturschutz, Untere Naturschutzbehörde, Schlossplatz 5, 76437 Rastatt

Telefon (dienstlich): 07222/ 381-4111

Email: s.koslowski (at) landkreis-rastatt.de

Am Besten schreibt man Sascha Koslowski eine Email. In dringenden Fällen kann man ihn natürlich auch anrufen.

 

Weitere Ansprechpartner?

Bei Fragen zum Natur- und Landschaftsschutz kann man sich an die >> Untere Naturschutzbehörde im Landratsamt Rastatt wenden. Über einen Verteiler gelangen Anliegen an den richtigen Ansprechpartner.

 

Tätigkeiten

Eigentlich macht Sascha Koslowski „alles und noch mehr“. Er fertigt viele Stellungnahmen zum Natur- und Artenschutz (Gutachten im Rahmen der Bauleitplanung), gibt Auskunft bspw. bei privaten Baumrodungen, vertritt den Artenschutz bei Großprojekten wie z.B. bei Baumaßnahmen im Zusammenhang mit der Realisierung des DB-Tunnels unter der Stadt Rastatt. Er bearbeitet auch Natur- und Landschaftspflegeprogramme (z.B. Vollzug der Landschaftspflegerichtlinie des Landes), die mit Hilfe von Landes- und Kreismitteln umgesetzt werden (mit Kreismitteln wird z.B. die Vogelpflegestation von Verena und Pierre Fingermann (>> zum Interview mit Verena und Pierre Fingermann) und die Beschaffung und das Ausbringen von Fledermauskästen finanziell unterstützt). Außerdem gehören zu seinen Aufgabengebieten „Natura 2000“ (s.u.)und deren Umsetzung und das Mitwirken bei der Erstellung und Umsetzung von Pflege- und Entwicklungsplänen.

Allerdings bedauert er, dass er oft an den Schreibtisch gebunden ist und nur wenig Zeit hat, sich die konkrete Situation vor Ort anzuschauen.

Bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Rastatt wird über alle kleinen und größeren Projekte eine „Fallliste“ geführt. Von Januar bis Anfang Dezember 2012 hat Sascha Koslowski über 400 Fälle bearbeitet!

 

Mit welchen Problemen kann man zu Ihnen kommen?

Sascha Koslowski führt als Naturschutzfachkraft Beratungen für Bürger und auch Bauträger zu Fragestellungen des Natur- und Artenschutzes durch. Er wird auch angesprochen, wenn z.B. Marder ihr Unwesen auf einem Dachboden treiben oder Bürger Fragen zur Vogelfütterung im Winter haben.

 

Wie sind Sie zu Ihrer Tätigkeit gekommen?

Sascha Koslowski war schon als Schüler sehr an Tieren interessiert und hielt sich viel in der freien Natur auf. Er besaß Aquarien und Terrarien. So entschied er sich für das Studium der Geoökologie mit Vertiefung Ökologie und Naturschutz. Nach seinem Studium war er einige Zeit selbständig als Kartierer und Gutachter im Naturschutz- und Landschaftsplanungsbereich auch für das Regierungspräsidium Karlsruhe tätig. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Grundlagendaten zu liefern. Er hatte jedoch keinen Einfluss auf die Umsetzung seiner Maßnahmenvorschläge.

Mit Beginn seiner Tätigkeit beim Landratsamt Rastatt wurde dies anders. Nun kann er ganz aktiv bei Entscheidungsprozessen mitwirken. Im Landkreis Rastatt gibt es eine ganze Reihe unterschiedlicher Naturräume (vom Rhein bis zum Schwarzwald); dies macht seine Arbeit vielseitig und spannend.

 

Was ist „Natura 2000“?

Das Ziel von „Natura 2000“ ist der Aufbau eines EU-weiten Netzes von Schutzgebieten. Gesetzliche Grundlagen hierfür sind die

>> Fauna-Flora-Habitat-(FFH)-Richtlinie, die bestimmte Lebensraumtypen sowie ausgewählte Tier- und Pflanzenarten schützt, und die

>> Vogelschutzrichtlinie.

 

Was fällt alles unter den Schutz? Wie wird festgelegt ob etwas geschützt wird?

Neben bestimmten Lebensräumen bezieht sich der Schutz der FFH-Richtlinie auf „Arten von gemeinschaftlichem Interesse". Dies sind insbesondere Arten, die europaweit bedroht, selten oder endemisch (= nur in einer bestimmten Region vorkommend, z.B.: Bodensee-Vergissmeinnicht) sind.

Die Entscheidung, welche Tier- und Pflanzenarten in der FFH-Liste aufgenommen werden sollen, wurde von einem Gremium aus mehreren Experten für bestimmte Tier- und Pflanzenarten getroffen. Bei einer anderen Zusammensetzung des Gremiums wäre die Wahl evtl. auf andere Tier- und Pflanzenarten gefallen.

So sind bspw. keine Heuschrecken über die FFH-Richtlinie geschützt, dafür aber jeder Vogel über die Vogelschutzrichtlinie. „Die Vögel haben einfach eine bessere Lobby als Heuschrecken oder Schwebfliegen“.

Rote Listen sind Verzeichnisse gefährdeter, verschollener und ausgestorbener Tier- und Pflanzenarten. Sie geben Auskunft über den Gefährdungsgrad einzelner Arten und beziehen sich immer auf ein bestimmtes Gebiet wie beispielsweise ein Bundesland oder einen Naturraum. Auch wenn Rote Listen kein juristisches Element sind und der Schutzstatus einer Art nicht aus ihnen hervorgeht, so sind sie für den Naturschutz doch unverzichtbar.

Rote Listen dienen...

• der Information von Öffentlichkeit und Behörden über die Gefährdung einzelner Tier- und Pflanzenarten

• der Prioritätensetzung im Arten- und Biotopschutz

• als Entscheidungshilfen bei der Landschafts- und Eingriffsplanung

• als Argumentationshilfe bei Schutzgebietsausweisungen

• als Entscheidungshilfe für den rechtlichen Schutz von Arten

Erstellt werden sie von sachkundigen Spezialisten und Wissenschaftlern und müssen in regelmäßigen Abständen aktualisiert werden. 

Flussseeschwalben, Foto: Rainer Deible

Gibt es so was wie die TOP 10-Liste der bedrohten Tier- und Pflanzenarten im Wirkungsbereich der Stiftung (Verwaltungsgemeinschaft Rastatt)?

Unter den Vögeln ist die Flussseeschwalbe zu nennen. Beim Wörtfeldsee bei Rastatt-Plittersdorf im Naturschutzgebiet Rastatter Rheinaue kommen bis zu 10 Brutpaare vor. Ganz schön viele wenn man bedenkt, dass es in Baden-Württemberg nur insgesamt 200 Brutpaare gibt.

In Muggensturm wurde der >> Scharlachkäfer, der im Jahr 2010 zum ersten Mal in Baden-Württemberg nachgewiesen wurde, gefunden. Diesen streng geschützten Faulholzbewohner findet man unter der Rinde von absterbenden oder toten Laubbäumen, zum Beispiel in verrottenden und faulenden Pappeln. Auch die Larven entwickeln sich dort.

In der Stromtalwiese im Teilergrund bei Rastatt-Plittersdorf finden sich mit dem Hohen Veilchen und dem Niedrigen Veilchen gleich zwei in Baden-Württemberg vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten. Die Vorkommen des Niedrigen Veilchens in Baden-Württemberg kann man an einer Hand abzählen.

 

Was würden Sie im Naturschutzgesetz in Bezug auf den Artenschutz ändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten? Was ist Ihnen besonders wichtig?

Sascha Koslowski würde den Schutz der rein national bzw. landesweit geschützten Arten verstärken. Darin sieht er noch ein Defizit. Im Moment liegt der Fokus auf den streng geschützten Arten in Europa, auch wenn diese bei uns nicht ganz so selten sind.

Dem Schutz für regional seltene bzw. regional von Aussterben bedrohte Arten sollte eine größere Bedeutung zukommen.

 

Wie sind Ihre Erfahrungen – kommt es häufig wegen des Artenschutzes zu Konflikten mit Politik und Bauträgern?

Seit der Anpassung des deutschen Naturschutzrechtes an europäisches Recht sind die artenschutzrechtlichen Bestimmungen deutlich verschärft worden. Die Genehmigungsbehörden müssen auf strengen Artenschutz achten. Heute ist es schlicht verboten, auch einzelne Individuen geschützter Tiere zu verletzen oder zu töten. Dies gilt z.B. auch für jede Eidechse!

Sascha Koslowski versucht Verständnis für die Belange des Artenschutzes zu wecken und zeigt auf, dass alle Tier und Pflanzenarten ein Recht haben zu existieren und auf uns angewiesen sind. Trotz allem stoßen Artenschutzmaßnahmen leider immer wieder auf Unverständnis.

 

Gibt es eine Art, für die Sie sich besonders einsetzen? Und warum?

Sascha Koslowski führt z.Z. die bereits von seinem Vorgänger bearbeiteten Artenschutzmaßnahmen des Landratsamtes fort (Artenschutzmaßnahme Flussseeschwalbe). Da er ein „Fledermausfreund“ ist, möchte er sich künftig verstärkt für den Fledermausschutz einsetzen. Fledermauskästen wurden bereits beschafft und ausgebracht.

Sascha Koslowski setzt sich auch für den Schutz heimischer Heuschrecken ein. So werden jährlich für seltene Arten wie >> Warzenbeißer und Sumpfgrille spezielle Pflegearbeiten beauftragt.

 

Besonderes Erlebnis/Anekdote?

Kürzlich wurde Sascha Koslowski von einer Frau angerufen, die ein Problem der besonderen Art hatte. In ihrer Besteckschublade hatte sich ein Siebenschläfer gemütlich eingerichtet. Dieser machte seinem Namen alle Ehre – er hielt Winterschlaf. Siebenschläfer stehen unter Artenschutz. Bekämpfungsmaßnahmen im eigentlichen Sinn sind daher verboten. In diesem Fall erteilte Sascha Koslowski eine Befreiung. Der “Langschläfer“ wurde „selig schlummernd“ in eine andere Schlafstätte umgebettet.

 

Profi-Wissen

Fledermäuse tauschen sich am Ende ihres Jahres aus, wo man am Besten „abhängen“ kann.

Einige der Roten Listen (z.B.: die der Wegwespen) für Baden-Württemberg sind schon 11 Jahre alt, dabei müssten sie eigentlich sogar ständig aktualisiert werden, denn die Artenbestände ändern sich von Jahr zu Jahr. Sie wird allerdings von Ehrenamtlichen erstellt und kann daher nicht ständig erneuert werden.

Diese ehrenamtlichen Experten sind oft Artenspezialisten und da es bspw. sehr wenige Experten für Wasserkäfer gibt, existiert für diese Artengruppe auch keine rote Liste.

 

Links? Lektüre? weitere Infos?

>> Informationsdienst Umweltrecht e.V. für ehrenamtliche Natur- und Umweltschützer

>> alle Informationen zu Natura 2000, FFH-Gebieten (auch Karten für alle Bundesländer) und zur Vogelschutzrichtlinie

>> Höhere Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium Karlsruhe

>> Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW)

>> Liste der in Baden-Württemberg vorkommenden besonders und streng geschützten Arten (PDF)

>> rote Listen Baden-Württemberg (PDF)

Broschüre „Artenschutzrecht“ vom Informationsdienst Umweltrecht (>> IDUR) und Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) 

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