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Interview mit dem Pilzsachverständigen Erik Grimmeisen

Erik Grimmeisen, Foto: Grimmeisen

Die beiden Mitarbeiterinnen des Freiwilligen Ökologischen Jahres der Stadt Rastatt, Ramona Müller und Melina Wochner, führten am 11.10.2012 ein Interview mit dem Pilzsachverständigen im Verwaltungsraum Rastatt, Erik Grimmeisen. 

 

Kontaktdaten

Name: Erik Grimmeisen

Adresse: Münchfeldstr. 62, 76437 Rastatt

Telefon (privat): 07222/20692

Email: fam.grimmeisen(at)googlemail.com

Erik Grimmeisen ist vorzugsweise telefonisch erreichbar, ihm kann aber auch eine kurze mail übersandt werden.

 

Weitere Ansprechpartner

>> Arbeitsgruppe Pilze im naturwissenschaftlichen Verein Karlsruhe

Von September bis März finden einmal im Monat Pilzberatungen statt.

 

Tätigkeiten

Die Tätigkeiten umfassen u.a. Pilzbestandskartierungen für das Regierungspräsidium Karlsruhe und Speiseilzberatungen.

 

Kosten für eine Pilzberatung?

Erik Grimmeisen ist generell ehrenamtlicher Pilzsachverständiger, bei erhöhtem Aufwand können gegebenenfalls Kosten anfallen.

 

Besonderes Erlebnis/Anekdote?

Erik Grimmeisen wird nicht nur von "normalen" Hobby-Pilzsammlern aufgesucht, sondern immer wieder kommen auch Rauschpilzsammler zu ihm, die ihre "Zauberpilze" bestimmt haben wollen. Diese muss er aber immer wieder enttäuschen, da er für solche Bestimmungen selbstverständlich nicht zur Verfügung steht.

 

Allgemein zu Pilzen

Pilze (lat.: Fungi) gehören zu den Eukaryonten, da sie einen Zellkern besitzen. Sie bilden in der Biologie neben Tieren und Pflanzen ein eigenes Reich und können sowohl Einzeller, wie die Bierhefe, sein, als auch Vielzeller, wie die Schimmelpilze. Die im Volksmund benutzten „Pilze“, die für uns sichtbar sind, sind nur die Fruchtkörper; der eigentliche Pilz ist ein oftmals riesiges Geflecht (=Myzel), von fadenförmigen Hyphen (=fadenförmige Zellen der Pilze) unter der Erde. Pilze bilden einen unverzichtbaren Bestandteil der Ökologie und des biologischen Gleichgewichts. Es gibt über 100.000 bekannte Pilzarten, von denen verschiedene Arten Pilzkrankheiten beim Menschen hervorrufen können. Der Nutzen für den Menschen überwiegt allerdings bei weitem: Es gibt beispielsweise Speise- und Heilpilze und Pilze, die zur Herstellung von Alkohol, Zitronensäure und Vitamin C verwendet werden.

 

Darf man jeden Pilz sammeln, den man sieht?

Nein, es gibt geschützte Arten, die auf der roten Liste stehen und deshalb unter keinen Umständen gesammelt werden dürfen; z.B. sind Trüffel und ca. die Hälfte der Großpilzarten gefährdet. (Link: >> Liste der besonders und streng geschützten Pilze in Baden-Württemberg).

Ferner muss ein Pilzsammler unbedingt die aktuellen Gebietsabgrenzungen und Verordnungstexte von Naturschutzgebieten kennen, da innerhalb dieser Gebiete das Sammeln nicht geschützter Pilzarten nur dann (und in dem jeweils beschriebenen Umfang) erlaubt ist, wenn und wie es die jeweilige Verordnung im Einzelfall vorsieht. Es versteht sich von selbst, dass dort natürlich auch besonders und streng geschützte Pilze nicht gesammelt werden dürfen. Im Zweifelsfall sollte beim Verordnungsgeber nachgefragt werden.

In den Naturschutzgebieten im Verwaltungsraum Rastatt läßt beispielsweise einzig und allein die Verordnung zum Naturschutzgebiet Rastatter Ried das nicht gewerbliche Sammeln von Pilzen zu. Alle anderen hiesigen Naturschutzgebiete sind somit 'Tabuzonen' für Pilzsammler.  

Man sollte stets die Faustregel „pro Person, pro Tag 1 kg“ beachten. 

 

Worauf muss man achten? 

Man sollte eher juvenile (=jüngere) Pilze als ältere sammeln, da letztere –wie am Beispiel der Morchel- vom Schimmelpilz betroffen sein können und dann nicht mehr verträglich sind.

Pilze sollten grundsätzlich nicht roh gegessen werden, vor allem für Kinder kann das gefährlich werden und viele Arten sind roh ungenießbar oder giftig.

Aufgrund der hohen Cäsiumbelastung im Boden hier in der Region wird davon abgeraten, hypogene (=in der Erde wachsende) Fruchtkörper zu sammeln. 

Beim Zubereiten der gesammelten Pilze sollten immer 2-3 Exemplare ungekocht aufbewahrt werden, um diese im Falle einer Vergiftung von einem Experten bestimmen zu lassen.

 

Wie erkennt man giftige Pilze?

Es gibt kein Allheilmittel, um ungenießbare von genießbaren Pilzen zu unterscheiden. Einzig und allein eine umfassende Artenkenntnis bringt Sicherheit. Es besteht allerdings immer noch ein Restrisiko.

(„Worauf sollte man achten?“).

Bei vielen Pilzen ist die Verwechslungsgefahr enorm!

Bsp.: Morcheln (essbar) – >>Lorcheln (giftig), >> Stockschwämmchen (essbar) – >> Gifthäubling (tödlich giftig, gleiches Gift wie >> Knollenblätterpilz).

Zu berücksichtigen ist auch der Klimawandel und hierdurch entstehende Verwechslungsgefahren: Durch die Klimaerwärmung sterben einerseits viele heimische Arten aus, andererseits sind auch neue Arten eingewandert, die noch nicht allseits bekannt sind. So kommt zum Beispiel der >> Ochsen-Röhrling (ursprünglich Südeuropa) vermehrt vor und auch der >> Ölbaumtrichterling (ursprünglich Mittelmeerraum), der dem> > Pfifferling zum Verwechseln ähnlich sieht.

 

Was tun bei Vergiftung? Welche Anzeichen gibt es? Gibt es eine Notfallnummer?

90% aller Vergiftungen erfolgen durch den Knollenblätterpilz. Oft handelt es sich auch bei Pilzen um eine allergische Reaktion des Körpers und nicht direkt um eine Vergiftung. Letztere laufen meist in 4 Phasen ab:

1. Phase – Gastroenteritis: Magen-Darm-Verstimmung (Übelkeit, Erbrechen usw.)

2. Phase: scheinbare Verbesserung

3. hepatische Phase: Leberschäden

4. finale Phase: Multiorganversagen

Auch bei geringem Verdacht auf eine Vergiftung (1. Phase) sollte sofort der Arzt aufgesucht werden (Allgemeinmediziner oder Internist).

Besonders gefährlich können Pilze wie die >> Schleierlinge (=Raukopf) sein, die eine lange Inkubationszeit (=Verzögerungszeit) mit bis zu 2 Wochen haben, wodurch die Vergiftung oft viel zu spät erkannt wird.

Außerdem gibt es auch Pilze, die zu den Psychotropen (sog. „Rauschpilze“) zählen und die Psyche des Menschen beeinflussen, von deren Gebrauch abzuraten ist (>> Selbstversuch mit Zauberpilzen)

Ferner ist darauf hinzuweisen, dass immer mehr Pilze als giftig eingestuft werden, die in älteren Pilzbestimmungsbüchern oder anderen Ländern (v.A.: Osteuropa) als genießbar gelten. 

>> Giftnotruf Freiburg: 0761 19240 (kostenfreier 24h Notfall- und Informationsservice) 

 

Welche Pilze darf/kann man problemlos sammeln? Wo findet man sie?

Man sollte nur nach guter Artenkenntnis sammeln. Heimisch und beliebt bei den Pilzsammlern sind vor allem >> Egerlinge (=Champignon), die auf offenen Wiesenflächen vorkommen; außerdem Morcheln, >> Steinpilze und >> Pfifferlinge, die, wie die meisten bekannten Speisepilze, zu den Symbionten (=Pilz geht Verbindung mit Wurzeln eines Baumes ein) zählen.

Daher sollte man aber auch über Baumkenntnisse verfügen, um zu wissen, welcher Pilz bei welchen Bäumen vorkommt.

Bei den Egerlingen ist zu beachten, dass sie nitrophile (=stickstoffliebende) Arten sind und somit auch an Stellen wachsen (Stadtpark, bei Raststätten,…), an denen Menschen und Tiere gerne ihre Notdurft verrichten.

Dennoch gibt es in unserer Region viele Möglichkeiten, verschiedenste Pilze zu sammeln: In der Rheinebene, den sandigen Böden der Niederterrassen und im Schwarzwald; fast überall findet man Pilzbestände.

 

Sind Pilze auch für Tiere giftig?

Nein, normalerweise essen Tiere (für sie) giftige Pilze nicht.

Rehe und Wildschweine können beispielsweise für Menschen giftige Pilze fressen, da sie Enzyme besitzen, die die giftigen Substanzen in ungiftige Moleküle umwandeln.

 

Profiwissen

Rentiere sind abhängig von Fliegenpilzen, da sie sich an diesen berauschen. 

Die Untersuchung eines Mykologen und Anthropologen löste die Frage, warum so gerne Pilze gesammelt werden: In der Zeit der Jäger und Sammler brachten Pilzsammler eine Nahrungsgrundlage und wurden so mit überschwänglicher Freude und Lob empfangen. Dieses positive Gefühl ist noch bis heute in uns verankert. 

Die Studie fand außerdem die Lösung, warum die Lieblingsfarbe vieler Frauen Violett/Rosa ist: Bei unseren Vorfahren waren die Frauen im Vorteil, die beim Beeren-Sammeln violette Töne leichter herausfiltern konnten und erkannten. 

 

Lieblingspilzgericht?

>> "Krause Glucke" (Sehr großer Pilz, der an einen Natur-Badeschwamm erinnert): Bei 40° 'spülen', aufgrund der Größe vorzugsweise unter der Dusche, dann in den Topf und mit etwas Sahnesoße servieren.

 

Links? Lektüre? weitere Infos?

Literatur: "Die Großpilze Baden-Württembergs', Band 1-5 von German J. Krieglsteiner

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