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Silberweide (Salix alba)

Die Silberweide - Pflanze des Monats Juni 2014

Auffälligster Baum der Auenlandschaft am Oberrhein

Silberweiden, Foto: Peter Vogler

Im Mai und Juni treibt schon der kleinste Windhauch Myriaden weißer, wolliger Flocken vor sich her. Was jetzt durch die Luft wirbelt, sind – neben Pappelsamen – die Samen der Weiden auf der Suche nach neuen Ufern.

Von allen Bäumen prägt die Silberweide am auffälligsten die Auenlandschaft am Oberrhein: sie ist der Charakterbaum der Weichholzaue, wo sie in Gesellschaft mit anderen Weidenarten, Pappeln und Erlen wächst. Ursprünglich fand die Silberweide ihre bevorzugten Wuchsorte direkt am fließenden Wasser des Rheins. Häufig umspült von den Hochwasserfluten, scheint sie wie kein anderer Baum bereit, jede neu vom Strom hingeschüttete Kiesbank zu besiedeln, um sie dem fließenden Element abzutrotzen und in einen Wald zu verwandeln. Bis zu 200 Tage im Jahr kann der Grund der Silberweide überflutet sein – solange das Wasser fließt und nicht zum Stehen kommt. Kein anderer Baum in unserer Landschaft ist dazu auch nur annähernd in der Lage – die Silberweide vermag dies dank Wurzel-„Bärten“.

Schon vor 3000 Jahren haben die Kelten der Silberweide den Namen gegeben: „sal - lis“ bedeutet auf keltisch „nah am Wasser“, eine Bezeichnung, die die Römer mit „salix“ übersetzt und der schwedische Naturforscher Carl von Linné im 18.Jahrhundert mit dem systematischen Namen „Salix alba“ übernommen hat. Die Bezeichnung „alba“ verweist zusätzlich auf die silbrige Blattunterseite, die aus einem „Teppich“ aus feinen Härchen besteht und das Licht reflektiert. Dies ist als Schutz vor der doppelten Sonneneinstrahlung über dem Wasser zu verstehen und wirkt im Endeffekt einer zu starken Aufheizung und Wasserverdunstung entgegen. Dieselbe Strategie findet sich bei Pflanzen auf trockenen Standorten mit hoher Sonneneinstrahlung, wie z.B. beim Silberfingerkraut oder beim Edelweiß.

Silberweiden werden bis zu 120 Jahre alt und bilden bis zu 1m dicke Stämme, die allerdings bereits ab einem Alter von 30 – 40 Jahren innen morsch und hohl, eben „weich“ werden: sie sind zwar sehr schnellwüchsig, lagern aber wenig Holz- und Gerbstoffe ein („Weichholz“). Die Bäume sind zweihäusig, d.h. es gibt Bäume mit weiblichen und solche mit männlichen Blüten. Sowohl die Bestäubung der weiblichen Blüten wie die Samenverbreitung (Flugsamen) erfolgen durch den Wind.

Mit ihren Überlebensstrategien gelingt es der Silberweide, die fließenden Grenzen zwischen Wasser und Land zu besiedeln und sich dem früher wilden Rheinstrom entgegenzustellen. Schon früh haben die Menschen die „Standhaftigkeit“ dieses Baumes und seine Fähigkeit, schnell zu wurzeln und sich zu verankern, erkannt, bewundert und für ihre Zwecke genutzt, z.B. durch den Einsatz von Faschinen (= Weidenruten-Bündel) bei der Befestigung der Rheindeiche. Der Wasserbau-Ingenieur Johann Gottfried Tulla hat diese Methode bei der Rheinkorrektur ab 1817 eingesetzt; doch auch in neuester Zeit konnte man das Verfahren bei der Deichsanierung nach dem Oder-Hochwasser 1997 beobachten.

Noch weitere bemerkenswerte Eigenschaften des Baumes sind seit Jahrhunderten zur Anwendung gekommen. Die jungen Zweige eignen sich aufgrund ihrer Biegsamkeit vorzüglich zum Flechten, sei es bei der Korbflechterei oder beim Bau von Fachwerkhäusern zum Stabilisieren der Lehmwände im Fachwerk. Für die Korbflechterei werden die Bäume alle 2 – 3 Jahre zur Gewinnung von langen Ruten geschnitten, wodurch der Austrieb neuer, langer Zweige gefördert wird und die Stämme allmählich ein kopfartiges Aussehen erhalten („Kopfweiden“). Trotz langjährigen „Köpfens“ können die etwa 2m hohen Stämme sehr alt werden. Viele Silberweiden in den Rheinauen, die ehemals „auf den Kopf gesetzt“ worden sind, sind heute „durchgewachsen“ und erfüllen noch ihren Dienst, indem sie bei Hochwasser die reißenden Fluten abbremsen. Aus dem weichen Holz der Silberweide wurden einst Holzschuhe hergestellt. Sowohl die Korbflechterei wie die Holzschuhmacherei stellten damals in einigen Dörfern am Rhein bedeutende Handwerkszweige dar, die vielen Menschen eine wirtschaftliche Existenz sicherten.

Die Silberweide gehört zu den heilenden Bäumen. Bis ins Altertum geht ihre arzneiliche Verwendung zurück (fiebersenkende, schmerzstillende und entzündungshemmende Wirkung). Hauptwirkstoff ist das in der Rinde junger Zweige enthaltene Glykosid Salicin, das im Körper in Salicilsäure umgewandelt wird. Seit der synthetischen Gewinnung und Umwandlung des Wirkstoffes durch den Chemiker Felix Hoffmann 1897 zu AcetylSalicilSäure (= ASS), auch Aspirin genannt, hat die Weidenrinde ihre alte medizinische Bedeutung verloren.

Ökologisch gesehen stellen die alten Kopfweiden oder Korbweiden in den Auen heute wertvolle Kleinbiotope dar: sie sind begehrte Nistorte für Steinkäuze, Gänsesäger und Wasserrallen.

 

Text und Foto: PAMINA Rheinparkguide Peter Vogler

Peter Vogler bietet regelmäßig Führungen als PAMINA Rheinparkguide an. Diese sind auch als Veranstaltungsempfehlungen auf unserer homepage zu finden.

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