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Interview mit dem Storchenbetreuer Stefan Eisenbarth

Stefan Eisenbarth, Foto: R. Deible

Am 31.10.2012 interviewten Melina Wochner und Ramona Müller vom Freiwilligen Ökologischen Jahr der Stadt Rastatt Stefan Eisenbarth, den hiesigen Storchenbetreuer.

 

Kontaktdaten

Name: Stefan Eisenbarth

Adresse: Weinbergstr. 39, 76593 Gernsbach

Telefon (privat): 07224/651690, Handy: 0171/2708256

Email: eisengern(at)t-online.de

Herr Eisenbarth ist vorzugsweise über sein Handy zu erreichen, im Falle seines Urlaubs über seine Festnetznummer.

 

Weitere Ansprechpartner

Zusammenarbeit mit und enger Kontakt zu Pierre Fingermann (Greifvogelexperte) und Ute Reinhard, Koordinatorin des Weißstorchschutzes in Baden-Württemberg (07466/1576).

 

Tätigkeiten

Die Aufgaben von Stefan Eisenbarth als Storchenbetreuer sind hauptsächlich das Ablesen der Registrierungsringe und die Beringung der Jungstörche (im Alter von 4-6 Wochen).

Die Daten werden an die Vogelwarte Radolfzell geschickt. Dort werden sie ausgewertet und die Flugrouten dokumentiert.

Stefan Eisenbarth ist als Storchenbetreuer ausschließlich ehrenamtlich tätig. Dies bedeutet auch einen enormen Zeitaufwand für ihn: Jedes Nest wird bis zu fünfmal pro Saison angefahren, wobei eine Betreuungszeit von etwa 2,5 Std. je Nest anfällt.

Bei der Beringung arbeitet Hr. Eisenbarth schon seit einiger Zeit mit der EnBW Energie Baden-Württemberg AG zusammen, die ihm hierfür einen Hubsteiger (Hubarbeitsbühne) zur Verfügung stellt.

Der Natur- und Artenschutz sind Hr. Eisenbarth ein großes Anliegen und er setzt sich hierfür regelmäßig ehrenamtlich ein.

 

Wie kamen Sie zu Ihrer Tätigkeit?

Stefan Eisenbarth hatte schon immer Interesse an der Natur und so entstand schon früh der Bezug zur Tierwelt. Aus diesem Grund erfolgte eine Ausbildung zum Gärtnermeister.

Er arbeitet heute bei der Stadt Rheinstetten. Seine erste Maßnahme dort war die Aufstellung eines Amphibienzauns, der dem Schutz von Amphibien dient und somit auch Futterquellen für den Storch sichert. Da er sich mit Störchen beschäftigte wurde er gefragt, ob er nicht auch deren Beringung übernehmen könne.

Um eine Beringungsgenehmigung zu erhalten, müsse man an zehn Beringungsaktionen bzw. z.B. an einem entsprechenden Seminar des >> Max-Planck-Instituts für Ornithologie - Vogelwarte Radolfzell- teilnehmen.

In einem fortlaufenden Prozess -verbunden mit seinem Naturinteresse- wurde Stefan Eisenbarth zum Storchenbetreuer.

 

Besonderes Erlebnis?

In einem Jahr konnte Stefan Eisenbarth im Winter 60 Weißstörche auf einer Mülldeponie in Frankreich zählen. Es handelte sich um nahrungssuchende 'Nichtzieher', die, bedingt durch das dortige Nahrungsangebot bzw. früherer Gehegehaltung oder Zufütterung, die weite Reise nach Afrika nicht angetreten hatten. Die Klimaerwärmung dürfte dagegen bei Weißstörchen nur eine geringe Rolle spielen, um nicht in wärmere Gefilde zu fliegen. 

Storchenpaarung, Plittersdorf an der Ankerbrücke, Foto: Eisenbarth

Allgemein zu Störchen

Die Vogelfamilie der Störche (Ciconiidae) zählt zur Ordnung der Schreitvögel.

Sowohl der Weißstorch (Ciconia ciconia), als auch sein Verwandter der Schwarzstorch (Ciconia nigra), zählen zu den besonders und streng geschützten Arten. (>> Liste der in Baden-Württemberg vorkommenden, besonders und streng geschützten Vögel, Daten der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg, LUBW)

Der Weißstorch ernährt sich von Würmern, Insekten, Mäusen, Amphibien (z.B. Fröschen), Reptilien (z.B. Eidechsen, Schlangen) und Fischen. Da der Storch an der Spitze einer Nahrungspyramide steht, hat er außer dem Menschen kaum natürliche Feinde. In unübersichtlichem Gelände und bei eingeschränkter Abflugmöglichkeit kann es schon mal vorkommen, dass ein Storch von einem Fuchs angegriffen wird, weswegen er hohes Gras und die Nähe von Hecken zumeist meidet. Geschwächte Tiere sind besonders gefährdet. Störche bevorzugen daher offenes Gelände, wo sie einen Überblick haben, wie im Murgvorland.

Ab August ziehen die Störche nach Süden in ihre Winterquartiere in West-, Ost- und Südafrika. Die „Ostzieher“ fliegen den Landweg über den Bosporus und Israel und die „Westzieher“ nutzen die Meerenge bei Gibraltar.

Auf diesen Wegen legen sie Strecken von über 10.000 km zurück (Tagesetappen von 150-300 km). Ein Teil der Westzieher verbringt mittlerweile den Winter in Spanien.

Störche sind Segler und keine Ruderflieger (= Fortbewegung aus Muskelkraft) und müssen sich die Aufwinde zu Nutze machen. Sie meiden daher offenes Wasser und schrauben sich auf bis zu 4.000-5.000 m Höhe in die Luft. Wasserflächen, wie die Meerenge von Gibraltar, müssen sie allerdings in kräftezehrendem Ruderflug überwinden.

Ab Mitte Februar bis April kehren die Störche dann in ihre Brutheimat nach Deutschland zurück. Dort besetzen sie jedes Jahr denselben Horst, sie sind nesttreu. Dadurch leben sie auch meist viele Jahre mit demselben Partner zusammen. Kommt der „alte“ Partner nicht mehr zum Nest zurück, wird aber auch der nächstbeste andere genommen. Taucht dann der frühere Partner doch wieder auf, wird der „neue“ aus dem Nest vertrieben, es sei denn, die Eier sind schon gelegt. Dann hat es der frühere Partner schwer, denn die Nestinhaber verteidigen zusammen ihr Gelege.

Für den Bau ihrer Horste benötigen die Störche lediglich 2-3 Wochen, manche besonders „Fleißige“ schaffen es auch in ein paar Tagen. 

Wie viele Störche gibt es in der Verwaltungsgemeinschaft Rastatt und wo leben sie?

In der Verwaltungsgemeinschaft Rastatt wurden im Wirkungsbereich der Umweltstiftung Rastatt im Jahr 2012 34 Störche gezählt:

Iffezheim: Brutpaar mit 4 Jungstörchen

Ottersdorf: Brutpaar mit 3 Jungstörchen

Muggensturm: Brutpaar mit 2 Jungstörchen

Steinmauern: Brutpaar mit 1 Jungstorch

Plittersdorf/Bärensee: Brutpaar mit 4 Jungstörchen

Plittersdorf/Ankerbrücke: Brutpaar mit 3 Jungstörchen

Plittersdorf/Fährstraße: Brutpaar mit 3 Jungstörchen

Der Storchenhorst in Plittersdorf an der Fährstraße ist vom Deich besonders gut zu beobachten, da man von dort einen guten Überblick hierauf hat. 

4 Jungstörche 2012 am Bärensee, Foto: Eisenbarth
3 Jungstörche 2012 Plittersdorf, Fährstr., Foto: Eisenbarth
Altstorch bringt Futter, Foto: Eisenbarth

Steigen oder sinken die Populationen im Moment im hiesigen Raum bzw. in Baden-Württemberg?

In Steinmauern gab es 1970 das letzte Brutvorkommen von Weißstörchen in der Verwaltungsgemeinschaft Rastatt.

Der Einbruch der Storchenpopulation wurde verursacht durch Dürren im Überwinterungsgebiet Afrika und die immer größer werdende Zerstörung ihres Lebensraums bei uns. So wurden z.B. die für die Störche so wichtigen Feuchtwiesen trockengelegt und vermehrt Insektizide eingesetzt. All dies führte dazu, dass die Störche keine Nahrung mehr fanden und so sank nach und nach die Population, bis es keine Störche mehr gab.

Anfang der 80er-Jahre startete das Land Baden-Württemberg zusammen mit dem NABU ein Wiederansiedlungsprojekt, um den Storch zurück in diese Region zu bringen.

Um dies zu erreichen, wurden Störche gezüchtet und an geeigneten Stellen, wie z.B. in Rheinstetten oder Iffezheim, angesiedelt. Allerdings wurden diese Störche zuvor in Gehegen gehalten und auch nach Freilassung weiterhin zugefüttert, und so verloren diese Projektstörche ihr Zugverhalten und blieben über den Winter bei ihren Brutstätten.

Dennoch ist das Wiederansiedlungsprojekt geglückt und die Population stieg rapide an. 2011 gab es in Baden-Württemberg über 500 Storchenpaare mit rund 1.200 Jungstörchen, mehr als jemals zuvor in den Aufzeichnungen. Diese positive Entwicklung lässt sich auf die ebenfalls positive Veränderung der Landschaft zurückführen. So werden z.B. Bauern subventioniert, wenn diese eine Wiese extensiv nutzen, d.h. sie nur wenig düngen und ein- bis zweimal im Jahr mähen. Außerdem wurden Flächen als Schutzgebiete ausgewiesen, in die sich der Storch zurückziehen kann.

Durch all diese Bemühungen ist es schließlich auch gelungen, dass sich 2011 erstmals wieder seit 1970 ein Storchenpaar in Steinmauern angesiedelt hat. 

Worauf muss man achten?

Störche sind Wildtiere. Man sollte sie deshalb keinesfalls füttern! Kälte macht ihnen nichts aus, allerdings finden sie bei uns im Winter kaum Futter, weswegen sie in den Süden fliegen. Werden Störche doch gefüttert, kann es vorkommen, dass sie sich nicht mehr wie Zugvögel verhalten und bei uns überwintern.

Früher wurden auch vor der Beringung Nestkontrollen durchgeführt. Heute wird davon abgesehen, um die Tiere nicht unnötig zu stören.

Mit fast 70% ist die häufigste Todesursache der Weißstörche der Stromtod und die Kollision mit Kabeln. Einerseits fliegen sie gegen die Drähte und verletzen sich tödlich. Andererseits können sie durch Berührung stromführender Teile vor allem an Mittelspannungsmasten oder auch das Ausscheiden eines Kotstrahls (2-3 m lang, eine Mischung aus Urin und Kot) einen Stromschlag und tödliche innere Verbrennungen erleiden. Darum ist es notwendig, Strommasten auch im Nachhinein noch zu sichern und zu entschärfen (durch Schutzhauben, über 60 cm lange Keramikisolatoren oder isolierte, raue Sitzprofile bspw. über dem Querträger). [>> Link der Umweltstiftung zum Thema "Freileitungen"; problematisch: Oberleitungsanlagen von Eisenbahnen müssen nicht gesichert werden!] Warum sind Störche so besonders? Störche sind allseits als Glücksbringer und Sympathieträger bekannt. Außerdem ist der Storch eine Leittierart und ist sozusagen ein „Naturschutzmacher“, denn durch den Schutz seiner Lebensräume werden andere Arten mitgeschützt, die diesen Lebensraum mit ihm teilen, aber den meisten Menschen gar nicht bekannt sind. Der Storch selbst ist allerdings jedem ein Begriff, er ist etwas Besonderes und die Menschen wissen, dass er geschützt und selten ist. 

Storchenküken, ca. 3 Tage alt, Foto: Eisenbarth

Wo kann man verletzte Störche hinbringen? Wie transportieren?

Wenn man einen verletzten Storch findet, sollte man ihn möglichst von einem Fachmann abholen lassen. Für Rastatt und Umgebung ist Pierre Fingermann der Ansprechpartner für verletzte Vögel.

Falls man den Storch dennoch transportieren muss, sollte man dessen Schnabel zuhalten und ihn unter den Arm klemmen, damit er sich nicht noch mehr verletzt. Außerdem sollte man sich im Verwaltungsraum Rastatt auch unbedingt bei Stefan Eisenbarth melden, wenn man einen verletzten oder toten Storch findet, damit er diesen Vorfall registrieren kann.


Was kann/sollte man tun, wenn ein Storch auf dem Dach nistet?

Falls sich ein Storch entschieden hat, auf dem Dach Ihres Hauses zu nisten, dürfen Sie dem nicht entgegenwirken. Wie erwähnt, stehen Störche unter Artenschutz und dürfen deshalb nicht von ihren Horsten vertrieben werden. Auch ist es streng untersagt die Horste zu entfernen, sprich sie zu zerstören. Hausbesitzer sollten mit den Störchen zusammen leben und sich geehrt fühlen, wenn das eigene Dach ausgewählt wird. Manche Storchenliebhaber setzen sich selbstgebaute Horste auf ihre Dächer, doch werden diese oft nicht angenommen, denn Störche sind sehr wählerisch, wenn es um ihren Brutplatz geht.

 

Beißen Störche/Greifen sie an?

In der Regel greifen Störche Menschen nicht an, da es Wildtiere sind, die eher auf Abstand gehen, um nicht mit dem Menschen in Kontakt zu geraten. Bei 'Projektstörchen', so z.B. wie geschildert in Iffezheim, kann es allerdings vorkommen, dass sie ihr Nest verteidigen, wenn man diesem zu nah kommt. Solche Störche sind an Menschen gewöhnt und haben keine Angst vor ihnen.

 

Profi-Wissen

Störche sind keine Singvögel! Sie können lediglich klappern und fauchen.

In der germanischen Mythologie holt der Storch die Neugeborenen aus der Quelle des Lebens und bringt sie den werdenden Eltern. Im antiken Griechenland zeigte der Storch auf seinem Zug heimwärts den Beginn der fruchtbaren Jahreszeit (Frühling/Sommer) an. Er gilt daher als Symbol der Fruchtbarkeit, des Glücks und des Wohlstands.

Der „Mecklenburger Pfeilstorch“ war der erste Nachweis für den Vogelzug nach Afrika: Am 21. Mai 1822 wurde ein Storch entdeckt, der einen afrikanischen Pfeil im Halse stecken hatte und somit scheinbar den ganzen Weg von Afrika nach Deutschland zurückgelegt hatte. Der Pfeil hatte sich nur durch die Haut gebohrt und somit keine lebensgefährdenden Verletzungen verursacht. Um den Storch zu untersuchen wurde er schließlich trotz seines Glücks zu Forschungszwecken erschossen und untersucht. Die Untersuchung stellte den Beweis dar, dass die Störche im Winter sogar bis nach Afrika fliegen. Bis dahin war man sich nicht sicher, ob der Vogel in den Süden zieht, sich versteckt oder gar im Wasser Winterschlaf hält. (>> Veröffentlichung Zoo Schwerin, PDF)

 

Links? Lektüre? weitere Infos?

>> Handlungsleitfaden Weißstorch, Ute Reinhard, veröffentlicht in 'Naturschutzinfo 1/2012', S. 51-54 (PDF)

>> Steckbrief Schwarzstorch von natur-lexikon

 

 

Ergänzung der Umweltstiftung Rastatt v. 14.11.2012:

In Elchesheim-Illingen engagiert sich die Initiativgruppe 'Storch und Natur'. Sie beobachtet und betreut Störche und setzt sich für die Verbesserung und Vergrößerung von deren Lebensraum ein.

>> weitere Informationen und Kontaktadressen 

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