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Interview mit Harald Brünner, Experte für Kleinsäuger

Harald Brünner, Experte für Fledermäuse und Mäuse, wurde am 17. Januar 2017 von den Mitarbeiterinnen des Freiwilligen Ökologischen Jahres der Stadt Rastatt, Robyn Elena Köth und Helena Hamann, interviewt.

Kontaktdaten: E-Mail: harald.bruenner(at)t-online.de

Können Sie uns Ihren beruflichen Werdegang schildern?

Ich studierte zunächst in Karlsruhe, dann anschließend in Freiburg Biologie und schloss das Studium als Diplombiologe ab. Anschließend war ich an der Uni in Lausanne (Schweiz) als Wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig, bis ich dann wieder nach Deutschland zurückkehrte und mich als Fachgutachter selbstständig machte.

In welchen Tätigkeitsbereichen arbeiten Sie als Gutachter? Was sind dabei Ihre Hauptaufgaben?

Ich erstelle Artenschutz-Fachgutachen, außerdem berate ich, führe Monitorings durch und bin im Bereich der Naturerziehung sowie in der Forschung tätig.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich im Natur- und Artenschutz zu engagieren?

Ich wurde zu einer Zeit geboren, in der alles plattgemacht und kein Wert auf Naturschutz gelegt wurde. Als Kind war ich oft tümpeln und habe dabei gerne kleine Tiere gekeschert. Schon früh war mir klar, dass ich einmal etwas mit Tieren machen wollte und dachte dabei zunächst an Tierarzt. Erst während des Gymnasiums erfuhr ich vom Beruf des Biologen und entschied mich dann für ein Biologiestudium. Bald wurde mir klar, dass man tätig werden muss, um der Naturzerstörung Einhalt zu gebieten. So begann ich, mich im Natur-und Artenschutz zu engagieren. Leider muss ich in meinem Berufsalltag immer wieder schmerzhaft erfahren, dass die Natur trotz vielfältiger nationaler Regelungen und zahlreicher internationaler Abkommen, immer noch zu wenig geschützt wird.

Woher kommt Ihr Interesse für Fledermäuse und Mäuse?

In meiner Jugend waren Amphibien, Vögel und manche Insekten beliebte Tiergruppen im Naturschutz. Da ich ungern das mache, was alle anderen machen, fing ich an, mich mit Säugetieren zu beschäftigen. Allerdings bin ich kein Mensch der Jagd und fand Großtiere deswegen wenig interessant, was mich zu den Kleinsäugern führte. Besonders reizvoll sind diese, da die meisten von ihnen nachtaktiv sind und man sie deshalb nicht oft zu Gesicht bekommt. Spannend ist auch ihre Vielfalt, Mäuse zum Beispiel gibt es fast überall auf der Erde in vielen verschiedenen Lebensräumen.

Mit welchen Tieren kennen Sie sich gut aus?

Zu den Tieren, mit denen ich mich gut auskenne, zählen die Kleinsäuger, welche bei uns zu den Fledertieren, Nagetieren und Insektenfressern gehören. Außerdem kenne ich mich auch mit Amphibien, Fischen (einheimische und Aquarienfische) und Laufkäfern aus.

Welche Tiere zählen zu den Kleinsäugern?

Allgemein gelten alle Säugetiere unter einem Kilo Körpergewicht als Kleinsäuger. Doch kann der Igel beispielsweise ein höheres Gewicht erreichen. Diese Einteilung würde zudem besagen, dass bei einigen Arten die Weibchen zu den Kleinsäugern zählen, die Männchen jedoch nicht, etwa beim Iltis. Deshalb würde ich stattdessen alle einheimischen Tiere innerhalb der Ordnung der Nagetiere, Insektenfresser und Fledertiere als Kleinsäuger definieren. Einige wenige große Arten (zum Beispiel Biber und Murmeltiere) kann man ja dann herausnehmen.

Sie sind unter anderem ein Experte für Haselmäuse. Was macht die Haselmaus besonders, was fasziniert Sie an dem Tier und was unterscheidet die Haselmaus von anderen Mäusen?

Faszinierend an der Haselmaus finde ich, dass ihr Vorkommen zwar schon öfter nachgewiesen wurde, jedoch – auch in Rastatt - noch kein lebendiger Beweis mit den gängigen Methoden, wie der Kontrolle von Haselmauskästen oder Niströhren, dafür erbracht worden ist. Sie ist ein Phänomen. Oft wird sie mit der Gelbhalsmaus verwechselt, was auch der Grund dafür ist, dass Verbreitungskarten der Haselmaus, die auf Nistkastenkontrollen basieren, oft falsch sind. Das tatsächliche Verbreitungsgebiet der Haselmaus ist weltweit sehr klein. Genetisch gesehen ist die Haselmaus gar keine Maus, sie gehört zur Familie der Bilche. Auch in ihrer Lebensweise unterscheidet sie sich deutlich von Mäusen, zum Beispiel dadurch, dass sie Winterschlaf hält. Außerdem hat sie eine höhere Lebenserwartung und bekommt seltener Nachwuchs, denn sie wirft nur einmal im Jahr circa drei bis vier Junge.

Die Haselmaus gehört zur Familie der Bilche. Erzählen Sie uns bitte genaueres über diese Familie.

Bilche, auch Schläfer oder Schlafmäuse genannt, sind baumbewohnend und halten Winterschlaf. Genetisch betrachtet sind sie mit den Hörnchen näher verwandt als mit den Mäusen, von denen sie sich auch in ihrer Lebensweise unterscheiden.

Können Sie uns mehr über die Haselmaus erzählen?

Der bevorzugte Lebensraum der Haselmaus sind Laub- und Mischwälder mit dichter und artenreicher Strauchschicht. Sie kommt aber auch in anderen Waldtypen vor. Außerdem werden strukturreiche Parks, Gärten, Feldhecken, Gebüsche und Brachland besiedelt. Entscheidender Faktor ist vermutlich das Nahrungsangebot. Gestufte Waldränder sind dabei von besonderer Bedeutung, da hier die lichtliebenden Straucharten eher vorkommen und blühen als im dunkleren Waldinneren. Zur Ausbreitung und Wanderung außerhalb von Wäldern ist die Haselmaus auf Hecken angewiesen. Die Art bewegt sich fast ausschließlich im Geäst und meidet den Boden. Damit ist sie stark von der Zerschneidung ihres Lebensraums durch das stetig zunehmende Straßen- und Wegenetz betroffen. Die Nahrung der Haselmaus besteht je nach jahreszeitlichem Angebot aus Knospen, Blüten, Pollen, Beeren, Samen und Insekten. Im Herbst sind Haselnüsse für die Wintermast von besonderer Bedeutung. Zwischen Ende April und Ende Oktober schläft sie tagsüber in ihrem Kugelnest, das sie in Sträuchern und Bäumen in Höhen ab einem Meter bis ins Kronendach anlegt, oder in Baumhöhlen. Den Winterschlaf verbringt sie von November bis April in einem Bodennest in der Laubschicht oder in Baumstümpfen. Das Weibchen wirft höchstens zweimal im Jahr drei bis fünf Junge, die bis zu 40 Tage nach ihrer Geburt bei der Mutter bleiben. Haselmäuse gelten als sehr ortstreu. Schlafplätze werden zwar häufig gewechselt, doch werden dann Quartiere in nächster Nähe bezogen. Haselmäuse sind nachtaktiv. Der Aktionsradius der Tiere beträgt etwa 60 Meter um das Nest. Die Haselmaus hat meist sehr geringe Populationsdichten von weniger als zwei Individuen pro Hektar. Optimale Lebensräume finden sich in unseren Waldgebieten nur kleinflächig und lokal, etwa in breiten und artenreichen Waldmänteln, in wenig durchforsteten nachwachsenden Schlägen oder lichten Waldbereichen. Hier können Dichten von bis zu zehn Tieren pro Hektar erreicht werden.

Warum ist die Haselmaus so selten anzutreffen? Ist sie gefährdet?

Sie ist im Rheintal im Großraum Karlsruhe-Rastatt sehr selten. Die Art ist nachtaktiv, weshalb sie nicht oft gesehen wird. Gefährdet ist sie wahrscheinlich auch. Über den Gefährdungsgrad ist man sich noch im Unklaren. EU-weit sind sie und ihr Lebensraum streng geschützt, da sie im Anhang IV der FFH-Richtlinien gelistet ist.

Wo gibt es Vorkommen der Haselmaus im Wirkungsbereich der Umweltstiftung Rastatt?

Sie kommt in einem Waldbereich zwischen Ötigheim und Muggensturm vor, allerdings ist der Beweis dafür ein Zufallsfund. Es gibt zwar mehrere Methoden, die Haselmaus nachzuweisen, doch obwohl ihr Vorkommen bestätigt ist, wurde noch kein weiterer lebendiger Beweis dafür gefunden.

Welche Maßnahmen zum Schutz der Haselmaus halten Sie für sinnvoll?

Man kann die Haselmaus schützen, indem man ihre Lebensräume erhält und neue schafft. Wichtig sind strukturreiche Wälder mit breitem, artenreichem Waldmantel, denn gerade Waldränder sind nicht nur für die Haselmaus, sondern auch für zahlreiche andere Tierarten wertvolle Lebensräume. Hier sind die Waldbesitzer und Forstverwaltungen gefordert.

Spielen Mäuse eine wichtige Rolle in unserem Ökosystem?

Ja, sie haben einen sehr hohen Stellenwert, da sie die Nahrungsgrundlage für sehr viele Tiere sind. Noch wichtiger ist ihre Rolle bei der Mineralisierung in den Nährstoffkreisläufen, dabei kommen sie gleich nach den Insekten. Mit den Löchern, die sie graben, schaffen sie nicht nur wichtige Lebensräume zum Beispiel für Hummeln, sondern diese Gänge bieten auch anderen kleinen Tieren ein Überwinterungsquartier. Somit sind Mäuse wichtig für viele andere Tiere und auch für den Boden.

Gibt es im Wirkungsbereich der Umweltstiftung weitere besondere Kleinsäuger-Vorkommen?

Ja, neben der Haselmaus kommen hier der Gartenschläfer, die Feldspitzmaus und die sehr seltene Sumpfspitzmaus vor.

Gab es besondere Erlebnisse mit Kleinsäugern im Laufe Ihrer beruflichen Karriere?

Begonnen hat alles an einem verschneiten Tag während meines Großpraktikums in der Uni Freiburg. Ein Kollege meinte, dass er draußen im Schnee eine Spitzmaus entdeckt habe. Ich fand das Tier sehr geschwächt und gefangen in einem Trichter aus Schnee. Im Institut gab es eine Grillenzucht. Die Spitzmaus tötete und fraß die angebotene Nahrung in Windeseile. Durch unsere Pflege erholte sie sich, was mich sehr fasziniert und dazu gebracht hat, mich näher mit Spitzmäusen zu beschäftigen.