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Interview mit dem Wildbienen-Experten Martin Klatt

Martin Klatt, Foto: Michael Eick

Am 08.11.2012 stand Martin Klatt, Wildbienen-Experte, Ramona Müller und Melina Wochner vom Freiwilligen Ökologischen Jahr der Stadt Rastatt für ein Interview zur Verfügung.

 

Kontaktdaten

Name: Martin Klatt

Adresse: Umweltzentrum Rastatt, Rappenstr. 12, 76437 Rastatt

Telefon (dienstlich): 07222/30359, Handy: 0174/4124498

Email: martin.klatt (at) nabu-bw.de / nabu-lnv-rastatt (at) gmx.de

Martin Klatt ist am Besten über sein Handy zu erreichen.

 

Weiterer Ansprechpartner

Bernhard Unser, wobei er vorrangig Experte für Hornissen ist. Die Kontaktdaten können dem >> Interview mit Bernhard Unser als Fachberater für Hornissen entnommen werden.

 

Tätigkeiten

Zu den Tätigkeiten von Martin Klatt gehören Exkursionen, Seminare und Vorträge über Wildbienen, sowie Bestandsaufnahmen, oder wie er sagt „neue Bienenfreunde suchen“.

 

Allgemein zu Wildbienen

In Deutschland gibt es ca. 550 verschiedene Arten von Bienen, dazu gehören die Honigbiene und die Wildbienen, zu denen auch die Hummeln zählen.

Die einst auch in Mitteleuropa als "wilde" Art lebende Honigbiene kommt heute nur noch in der Obhut der Imker vor. Sie ist zum Haustier geworden.

Die Wildbienen unterscheiden sich von der Honigbiene in der Größe (die kleinste Bienenart ist nur wenige mm groß, wohingegen andere eine Größe von 3 cm erreichen), in ihrer Färbung oder Musterung.

Man unterscheidet zwischen „Beinsammlern“ (sie transportieren den gesammelten Blütenstaub - den Pollen - an den langen Bürstenhaaren ihrer Hinterbeine) und „Bauchsammlern“ (sie transportieren den Blütenstaub in einer dichten Bürste unter ihrem Bauch). Nektar wird geschluckt und später im Nest wieder ausgespuckt.

Wildbienen weisen zum Teil auch große Unterschiede in Bezug auf ihre Nahrungspflanzen und Nistgewohnheiten auf. Manche Bienen besuchen nur ganz bestimmte Pflanzen und gehen so eine enge Bindung mit ihnen ein, was zur Folge hat, dass diese spezialisierten Bienen verschwinden, wenn "ihre" Nahrungspflanzen fehlen. Hier zeigt sich, wie enorm wichtig es ist, für eine reiche Auswahl verschiedener Pflanzen zu sorgen, um die Wildbienen zu erhalten.

Umgekehrt sorgt eine vielfältige Wildbienengemeinschaft generell für eine gute Bestäubung der Pflanzenwelt - auch unserer Kulturpflanzen - gemeinsam mit der Honigbiene.

 

Gibt es weitere Unterschiede zwischen Wild- und Honigbienen?

Die Honigbienen, auch bekannt als „Biene Maja“, sind – im Gegensatz zu den Wildbienen wie erwähnt - „Haustiere“. Sie bekommen ihren Bienenstock vom Imker gestellt und leben in einem Staat von etwa 10.000 Tieren. Den Honig produzieren sie als Wintervorrat, weil der gesamte Bienenstaat den Winter überdauert. Der Imker ersetzt den Bienen ihren genommenen Honig durch Zuckerwasser.

 

Wie viele Arten von Wildbienen gibt es?

In Baden-Württemberg gibt es ca. 460 Wildbienen-Arten. Hier in unserer Region im Verwaltungsraum Rastatt sind vermutlich über 250 Arten vertreten. Auf innerstädtischen Wiesen konnten in Rastatt im Rahmen einer Bestandserhebung 103 verschiedene Arten nachgewiesen werden

Eine Furchenbiene sammelt Pollen auf dem Blütenstand des gelben Ferkelkrauts

Wo leben Wildbienen?

Alle Bienen sind „Sonnenanbeter“ und leben somit eher weniger im Wald, als vielmehr auf (Streuobst-)Wiesen, in Gärten, auf Dämmen, in Heiden und Riedwiesen. Als Offenlandbewohner lieben sie es warm und sonnig. Sie benötigen vor allem Blumen und Licht.

Die allermeisten Wildbienen-Arten haben ihr Nest im Boden (z.B.: Sandbienen), welcher besonnt und meist trocken sein sollte. Es gibt aber auch "einfallsreiche" Bienen, die in leeren Schneckenhäusern, verholzten Pflanzenstängeln, Mauerspalten, in totem Holz etc. nisten oder gar „Kuckucks-Bienen“ [siehe weiter unter „Profi-Wissen“].

Wildbienen legen ihre Eier je nach Art in den für sie geeigneten Nistplätzen ab. Zuvor sammelt das Weibchen Pollen und Nektar und legt diese als sogenanntes „Larvenbrot“ im Nest ab. Die Wand vor der Brutzelle wird zugemauert. Schlüpft die Bienenlarve, ernährt sie sich von dem Larvenbrot, häutet sich mehrmals und verpuppt sich anschließend. Wenn die Bienen dann schlüpfen, bleiben sie oft noch bis zum Flugbeginn im nächsten Jahr in ihrem schützenden Nest.

 

Produzieren sie auch Honig?

Nein, Wildbienen produzieren keinen Honig. Die Wildbienen-Weibchen sammeln zwar Pollen und Nektar, essen diese Nahrung aber gleich oder bilden daraus „Larvenbrot“ für den Bienennachwuchs. Die Bienenlarven im Nest ernähren sich von dem Pollen und Nektar, den die Mutterbiene heran geschafft hat. Ausgewachsene Männchen benötigen nur noch Nektar (das ist „Red Bull für Bienen“).

Hummeln bilden Staaten, die über den Winter komplett absterben und somit auch keinen Honig als Wintervorrat brauchen. Die Einzigen, die also wirklich Honig produzieren, sind die Honigbienen.


Sind Wildbienen Einzelgänger oder leben sie auch in einem Volk?

Die allermeisten Wildbienen sind Einzelgänger. Früher wurden sie daher auch „Solitär- oder Einsiedlerbienen“ genannt. Einige wenige leben allerdings auch in Staaten, wie zum Beispiel die Hummeln, die sicher die bekanntesten Wildbienen sind.

 

Können Wildbienen auch stechen?

Ja, aber nur die Weibchen. Der Stich tut jedoch kaum weh, da der Stachel im Gegensatz zum Stachel der Honigbiene glatt und nicht mit Widerhaken versehen ist. Teilweise sind die Stacheln der Wildbienen so klein, dass sie unsere Haut gar nicht durchdringen.

 

Wurden Sie schon einmal von einem Schwarm Bienen verfolgt?

Nein, er nehme keine Drogen, so Martin Klatt, und hätte infolgedessen auch keine Halluzinationen von aggressiven Bienenschwärmen oder gar "Killer-Bienen".

 

Artenschutz

Alle Bienen sind laut Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt.

 

Sind Wildbienen bedroht?

Ja, 65% aller Wildbienenarten sind heute mehr oder weniger stark gefährdet. Die Tiere sind extrem nützlich und für die Bestäubung und Befruchtung der meisten Pflanzen verantwortlich. Ohne Bienen hätten wir beispielsweise weder Obst noch Gemüse.

 

Worauf muss man achten?

Man muss sicherstellen, dass die Lebensräume nicht noch weiter zerstört, sondern im Gegenteil, dass wieder „blühende Landschaften“ mit heimischen Pflanzen geschaffen werden.

 

Wie kann man ein Habitat im eigenen Garten einrichten?

Wildbienen benötigen Nahrung und einen Nistplatz.

Daher ist zuallererst ein großes Angebot an Pollen und Nektar das Wichtigste!

Die Bienen brauchen einen „gedeckten Tisch“ und sie sind teilweise sehr wählerisch. Ein Drittel aller Bienenarten sind spezialisiert (auf Glockenblumen, Weidenblüten,…).

Um vielen Wildbienen einen Lebensraum bieten zu können, muss also eine reichhaltige Auswahl an heimischen Blumen- und Pflanzenarten vorhanden sein.

Fast wichtiger als Nisthilfen, oder sogenannte „Bienenhotels“, sind offene Bodenflächen, denn die meisten Bienenarten bauen dort ihre Nester (siehe→ „Wo leben Wildbienen?“).

 

Besonderes Erlebnis/Anekdote?

Die Dünenpelzbiene möchte Martin Klatt besonders hervorheben.

Diese Art ist relativ klein und hat einen überproportional großen Kopf. Sie ist sehr schnell und zeichnet sich durch ihren sehr hohen und markanten Ton aus. So kommt es vor, dass man die Biene erst hört, bevor man sie sieht. Je heißer es wird, desto schneller wird sie. Unter diesen Bedingungen macht sie es einem extrem schwer, sie zu finden; besonders wenn die Temperaturen auf 37°C steigen und wenn es einem schwerfällt noch hinterherzukommen. Das jedenfalls musste Martin Klatt schon erleben...

Die Dünenpelzbiene ist auf Sanddünen beheimatet und kommt deshalb auch hier bei Rastatt, genauer auf den Sandrasen und in den Dünenwäldern von Sandweier und Iffezheim, vor. 

Bunt illustriert und informativ: die Tafeln zu den Rastatter Blumenwiesen

Profi-Wissen

In der Grünanlage Mozartstrasse / Beethovenstraße in Rastatt gibt es fünf Infotafeln über Wildbienen. Diese unterrichten u. a. auch darüber, warum die Grünflächen, die manchen vielleicht verwahrlost erscheinen, nur noch zweimal im Jahr gemäht werden. Gerade diese zweischürigen Wiesen bieten vielen Insektenarten, darunter auch den Wildbienen, einen wichtigen Lebensraum und sind unersetzlich. [>> Link zum Projekt der Umweltstiftung]

Nicht alle Wildbienenarten sind so „fleißige Bienen“ wie die Honigbienen, die sich so fürsorglich um ihren Nachwuchs kümmern in dem sie eifrig Blütenpollen und Nektar sammeln. Rund ein Viertel der Wildbienen sind sogenannte „Kuckucksbienen“. Diese suchen sich ein passendes Bienennest und legen dort ihre Eier ab. Danach kümmern sie sich nicht mehr um ihren Nachwuchs, sondern überlassen die Arbeit den anderen Bienen. Auch die Kuckucksbienen sind extrem bedroht, da sie jeweils nur ganz bestimmte Nester aufsuchen und die „normalen“ Wildbienen auch immer seltener werden.

Männchen haben bei den Bienen keine sehr lange Lebensdauer. Unmittelbar nach der Begattung sterben sie. Für den Nestbau und die Herstellung von „Larvenbrot“ sind allein die Weibchen zuständig. Auch bei den Honigbienen sind es die Weibchen, die die Jungtiere versorgen. Allerdings sind diese "Arbeitsbienen" unfruchtbar - nur die Königin kann Eier legen und für den Nachwuchs im Bienenvolk sorgen. Sie verlässt den Bienenstock nicht mehr und wird ebenfalls von den Arbeitsbienen versorgt.

 

Links? Lektüre? weitere Infos?

>> wildbiene.com mit Artenlexikon und Bienenshop

>> wildbienen.de Ausführliche Informationen zu Wildbienen

>> wildbienen-kataster u.a. Nachweiskarte zu 448 Arten (Stand: Nov. 12)

>> Wildbienen im 111 Artenkorb Baden-Württemberg

>> Rote Liste der Bienen Baden-Württembergs (PDF)

"Wildbienen - Die anderen Bienen" von Paul Westrich (2011) >> wildbienen.info

"Wildbienen - Die pfiffigen Blumenfreunde" Broschüre für Kinder von Martin Klatt, zu erhalten beim Umweltzentrum Rastatt, Adresse: s.o.

 

Ergänzende Hinweise der Umweltstiftung Rastatt v. 04.12.2012:

Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg hat die Broschüre über den Bienenweidepflanzenkatalog aktualisiert. -->> hier gibt es weitere Informationen

>> Wildbienen Hilfe - ehrenamtlich betriebene Internetseite

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