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Interview mit dem Kenner der heimischen Pflanzenwelt Stephan Biebinger

Stephan Biebinger

Stephan Biebinger Stephan Biebinger, Kenner der heimischen Pflanzenwelt, wurde am 12.04.2013 von Melina Wochner und Ramona Müller vom Freiwilligen Ökologischen Jahr der Stadt Rastatt interviewt.

 

Kontaktdaten

Stephan Biebinger

Werderstr. 19, 76448 Durmersheim

Tel. (privat): 07245/4859

Handy: 0173 15 45 54 45

Email: bund.suedhardt (at) bund.net

Stephan Biebinger ist am besten per Email zu erreichen.

 

Weitere Ansprechpartner

Botaniker: Jörg Griese (Muggensturm), Helmut Läpple (Landkreis Rastatt: Orchideen; >> Interview mit Helmut Läpple)

 

Tätigkeiten?

Hauptberuflich arbeitet Stephan Biebinger als wissenschaftlicher Angestellter beim Institut für Landschaftsökologie und Naturschutz (ILN) in Bühl.

In seiner Freizeit beteiligt er sich u. a. an der floristischen Kartierung Baden-Württembergs; dabei bearbeitet er das Messtischblatt 7015 Rheinstetten mit Schwerpunkt der Bereiche, die im Landkreis Rastatt liegen.

Mitglied der Botanischen Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland e.V. (BAS), mit Sitz in Karlsruhe.

Vorstand der BUND-Ortsgruppe Südhardt; Projekte der BUND Ortsgruppe Südhardt sind u.a.: Amphibienschutz, Ferienspaßprogramm der örtlichen Gemeinden, Naturbildung für Erwachsene und Kinder, Projektpartner im LIFE+ - Projekt „Rheinauen bei Rastatt“.

 

Wie sind Sie zu Ihrem Engagement im Naturschutz-/ Botanischen Bereich gekommen?

Bei Stephan Biebinger liegt die Verbindung zur Natur in den Genen, die Beschäftigung mit Flora und Fauna hat in seiner Familie Tradition.

Als junger Erwachsener spazierte er einmal durch die Natur und wollte wissen, „wie das blaublühende Teil da heißt“, das ihn so in seinen Bann gezogen hatte. So schnappte er sich eines Sonntagvormittags das Pflanzenbestimmungsbuch „Was blüht denn da?“ und versuchte mit dessen Hilfe die Pflanze zu bestimmen.

Stephan Biebinger ist gelernter Waldarbeiter, nach seiner Ausbildung hat er Forstwirtschaft studiert und sich auch während dem Studium der Botanik gewidmet.

So ist ihm bisher noch nie langweilig geworden: „Irgendwann lerne ich auch mal Moose“ ist beispielsweise sein nächstes hochgestecktes Ziel.

 

Flora:

Per Definition ist die Flora die „[systematisch erfasste] Pflanzenwelt eines bestimmten Gebietes“.

Als erstes Bundesland hat Baden-Württemberg ein Artenschutzprogramm (ASP) in sein Naturschutzgesetz aufgenommen, mit dem gezielt den seltenen und gefährdeten Arten (Pflanzen, Libellen, Bienen, Moose usw.) geholfen werden soll. Diese stehen oft auch auf der Roten Liste (Kategorie I und II) und erhalten eine intensive Betreuung sowie eine finanzielle Förderung der notwendigen Maßnahmen. Weitergehende Maßnahmen zum Schutz können beispielsweise durch Landschaftspflegeverträge erfolgen.

Zwischen 1970 und 1990 wurde eine Floristische Kartierung in Baden-Württemberg durchgeführt. Der Pflanzenbestand wurde von Mitarbeitern der Naturkundemuseen Stuttgart und Karlsruhe sowie zahlreichen Ehrenamtlichen erhoben. Diese Kartierung mündete in das achtbändige Grundlagenwerk „Die Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs“ (SEBALD, SEYBOLD, PHILIPPI & WÖRZ 1990-1998), und bildet die Grundlage für alle weiteren Erhebungen.

Seit 2008 erfolgt ein kompletter Neudurchgang dieser Kartierung, ebenfalls von den Naturkundemuseen, diesmal in Zusammenarbeit mit der Botanischen Arbeitsgemeinschaft Baden-Württembergs. Es existieren auch schon die ersten Verbreitungskarten (>> www.florabw.recorder-d.de/), die bereits die neue Signatur (= Beobachtung nach dem 01.01.2005) aufweisen.

Kartengrundlage sind die Topografischen Karten (TK) 1:25 000 Baden-Württembergs, die jeweils ein Gebiet von ungefähr 11 x 12 km (=1 Messtischblatt) abdecken. Dieses kann durch Teilung in vier gleiche Teile zerlegt werden: Die sogenannten Quadranten.

Hohes Veilchen (Viola eliator), Pflanze des Monats Juni 2013 der Umweltstiftung Rastatt, Foto: Stephan Biebinger

Für was braucht man floristische Kartierungen überhaupt? Braucht man für die Erfassung eine spezielle Ausbildung? Wer kann sich beteiligen und wo können Funde gemeldet werden?

Floristische Kartierungen werden erstellt, um ein Grundlagenwissen zu erhalten über Wuchsorte und Verbreitung wild wachsender Pflanzen. Gerade bei den bedrohten Arten ist dies sehr wichtig, um gegebenenfalls Schutzmaßnahmen einzuleiten. Z.T. haben die Kartierungen es erst ermöglicht, herauszufinden, welche Arten in welchem Grad bedroht sind.

Die Naturkundemuseen freuen sich darüber, wenn der eine oder andere neue Kartierer dazukommen würde. Haben Sie Interesse? Interessenten können sich direkt beim Staatlichen Museum für Naturkunde, Herrn Dr. Arno Wörtz (Tel.: 0711/8936-212; Email: arno.woerz (at) smns-bw.de melden.

Um bei der floristischen Kartierung mitzuarbeiten, ist keine Qualifikation als Biologe oder Botaniker notwendig. Allerdings muss man die Bereitschaft mitbringen, sich fundierte Kenntnisse der heimischen Flora anzueignen. Wenn man sich dafür entscheidet als Kartierer für die floristische Kartierung tätig zu werden, hat man die Möglichkeit an Schulungen, Bestimmungskursen und Fachexkursionen teilzunehmen. Danach geht’s los in die Natur. Anfänger können sich auch bei den sogenannten „Montagsexkursionen“ der Botanischen Arbeitsgemeinschaft in Karlsruhe Wissen aneignen und sich von erfahrenen Botanikern und Vegetationskundlern in die Kartierung einweisen lassen.

Die Funde werden von den Naturkundemuseen erfasst, auf Plausibilität überprüft und digitalisiert. Damit sind sie jederzeit öffentlich abrufbar und helfen auch bei der Plausibilitätsprüfung eigener Pflanzenfunde. Durch die neue Art der Erfassung mittels EDV ist die floristische Kartierung transparenter und schneller geworden.

 

Wie läuft eine Kartierung ab? Wie groß sind die Quadranten und wie lange dauert es einen zu erfassen?

Auf einer Topografischen Karte TK 1:25.000 ist ein Gebiet von rund 11 x 12 km abgebildet. Es kann je nach der Intensität der Bearbeitung durchaus mehrere Jahre dauern, bis dieses komplett erfasst ist, da man natürlich auch die verschiedenen Jahreszeiten berücksichtigen muss. Die letzte Kartierung Baden-Württembergs erstreckte sich bspw. über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren! Je nach Quadrant variiert die Anzahl der erfassten Arten. In einem Quadranten des Messtischblattes 7016 wurden bei einer Probekartierung im letzten Jahr 727 Arten nachgewiesen. In den meisten anderen Quadranten wurden wesentlich weniger Arten gefunden. Dies liegt u.a. auch an der unterschiedlich intensiven Bearbeitung des Gebietes.

Bei einer Kartierung geht man den jeweiligen Standort ca. ein bis zwei Stunden lang ab und notiert alle Arten, die man sieht, und legt eine Strichliste an. Oder man gibt die Daten gleich in seinen PDA ein, wie Stephan Biebinger. Angepflanzte Arten werden nicht aufgenommen, außer sie sind verwildert oder haben sich verjüngt (=Pflanzen aus Samen angepflanzter Exemplare). Besondere Arten werden als Einzelfund erfasst. Wichtig ist die Dokumentation der genauen Standorte entweder in einer Karte oder durch Ermittlung der Koordinaten. Nützlich sind Angaben zum Fundort, den Standortsverhältnissen, der Anzahl und natürlich das Funddatum.

 

Wie sieht ihre Ausrüstung aus, wenn Sie kartieren gehen?

Stephan Biebingers Ausrüstung besteht im Wesentlichen aus drei Teilen:

- Ein mobiles Erfassungsgerät: Das ist ein PDA-Gerät (Persönlicher Digitaler Assistent) mit GPS-Chip und einer GIS-Software. Auf dem Gerät sind Karten gespeichert und Arten können direkt per Kürzel eingegeben und erfasst werden. Dabei wird direkt an der Position die Art mit Zeitpunkt und Koordinaten in einer Datei gespeichert. Abends werden die Daten noch mal auf Plausibilität geprüft und Ende des Jahres an das Naturkundemuseum Stuttgart weitergegeben. Dieses speziell entwickelte System erleichtert die Arbeit eines Botanikers extrem.

- Ein Bestimmungsbuch (siehe „Lektüre“)

- Eine Lupe zur Erfassung bestimmter Merkmale.Teilweise benötigt man auch zuhause noch zusätzlich ein Binokular.

 

Gibt es etwas Besonderes an der Flora in und um Rastatt (Floristische Highlights)?

Für Stephan Biebinger ist es immer etwas Besonderes, wenn er das erste Mal eine Pflanze in natura sieht, die er zuvor nur aus dem Buch kannte. In der Verwaltungsgemeinschaft Rastatt gibt es mehrere verschiedene Landschaftsräume in denen die unterschiedlichsten Arten zu finden sind:

- Wälder mit ihren feuchten und nährstoffreichen Böden. Dort kann man im Frühjahr Blütenparadiese mit vielen Geophyten (=Frühblüher), wie z.B. dem Blaustern, entdecken.

- Rheindämme mit mageren und kalkhaltigen Böden, die eine reichhaltige Flora ausbilden; hier wachen stellenweise Orchideen.

- Stromtalwiesen, die heutzutage extrem selten geworden sind.

- Dünenstandorte, wie die Binnendünen südlich von Rastatt.

All diese Standorte sind für sich einzigartig und faszinierend. 

Zweiblättiger Blaustern (Scilla bifolia), Foto: BerndH

Was ist die interessanteste / außergewöhnlichste Pflanze, die Sie je gesehen haben?

Spektakulär ist sicherlich der Frauenschuh, eine Orchideenart mit Vorkommen auf der Schwäbischen Alb, auf der anderen Seite eine so bescheiden schöne Pflanzen wie den Blaustern, den es in unseren Wäldern gibt; es fällt Stephan Biebinger schwer, diese Frage zu beantworten. Vielleicht ist gerade die Pflanze, die er draußen unmittelbar beobachtet und nicht kennt, die spannendste für ihn.

 

Besonderes Erlebnis/Anekdote?

Als Kartierer ist man mitunter etwas abseits von Wegen z.B. in Wiesen unterwegs und sucht den Boden nach Pflanzen ab. Leute, die vorbeikommen beäugen einen dann z. T. recht argwöhnisch; und auch wenn es nicht so scheint hört Stephan Biebinger immer aufmerksam zu, wie die Eltern ihren Kinder zu erklären versuchen, was der Mann da gerade macht.

 

Profi-Wissen

Ein paar Botaniker-Weisheiten:

Die meisten Botaniker sind „wasserscheu“. Dabei gibt es in Gewässern eine nicht geringe Zahl von Wasserpflanzen. Dies ist der Grund dafür, dass es gerade bei den Wasserpflanzen noch erhebliche „Löcher auf den Kartenblättern“ gibt.

Wesentliche Grundlage für das botanische Arbeiten ist die Anlage eines Herbariums. Den Winter nutzt der Botaniker, um das Herbar und die im Sommer erhobenen Daten zu pflegen. Die Kartierer der floristischen Kartierung Baden-Württembergs sind gehalten, von schwer zu bestimmenden („kritischen“) Arten, Nachweise zu sammeln. Diese werden dann getrocknet und gepresst und dienen als Belege für das Vorkommen der Art. Die „Herbarbelege“ kritischer Arten werden von Spezialisten geprüft und determiniert. Geprüfte und richtig bestimmte Belege dienen dem Merkmalsvergleich und erleichtern die manchmal mühsame Bestimmungsarbeit.

Botaniker haben einen ausgeprägten Jagdinstinkt. Ihre Geschwindigkeit gleicht allerdings der einer Schnecke.

 

Links? Lektüre? weitere Infos?

>> homepage des BUND Südhardt

>> homepage des Institutes für Landschaftsökologie und Naturschutz, Bühl

>> homepage der Botanischen Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland e.V.

>> Aktuelle Verbreitungskarten der Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs, Suche nach Arten

- „Rothmaler – Exkursionsflora von Deutschland“ bspw. Band 3 „Gefäßpflanzen: Grundband“ von Eckehart J. Jäger

- „Was blüht denn da?“ vom Kosmosverlag: Bestimmungsbuch, gut geeignet für Anfänger

 

Tipp:

Im Sommerhalbjahr finden an jedem Montag in Karlsruhe die sogenannten Montagsexkursionen statt, bei denen Artenlisten für die "Flora von Karlsruhe und Umgebung" erstellt werden. Sie beginnen immer 17:15 Uhr, der Treffpunkt wird auf http://www.botanik-sw.de/BAS/index.php?page=termin-grupp bekannt gegeben. Sie sind sowohl für Anfänger als auch Fortgeschrittene geeignet.

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