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Interview mit dem (Greif)Vogelexperten Pierre Fingermann und seiner Ehefrau Verena Fingermann

Der (Greif)Vogelexperte Pierre Fingermann und seine Ehefrau Verena wurden am 05.12.2012 von Ramona Müller und Melina Wochner vom Freiwilligen Ökologischen Jahr der Stadt Rastatt interviewt.

 

Kontaktdaten

Name: Verena und Pierre Fingermann

Adresse: Münchfeldstr. 79, 76437 Rastatt

Telefon (privat): 07222/34833, Handy: 0170/9233834

Email: pierre.verena (at) t-online.de

Pierre und Verena Fingermann sind am Besten über das Festnetz zu erreichen. Gerne kann man auch eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Über das Handy sollte man nur in dringenden Fällen (Greifvögel) anrufen.

 

Weitere Ansprechpartner

Seitdem die staatliche Vogelschutzwarte mit integrierter Vogelpflegestation in Karlsruhe-Rappenwört geschlossen wurde, sind Pierre und Verena Fingermann die Einzigen in der weiteren Umgebung, die Vogelpflege betreiben. Die nächste Tierklinik für Vögel ist in Mössingen (Landkreis Tübingen).

 

Tätigkeiten

Pierre Fingermann und seine Ehefrau sind seit dem 30.07.1993 ehrenamtlich tätig.

Er beringt seit 04.07.2002 Greifvögel. Die erhobenen Daten über die Vögel werden an die Vogelwarte Radolfzell weitergeleitet. Dort wird die Vogelberingung durch das Max-Planck-Institut für Ornithologie wissenschaftlich koordiniert. Bis heute hat Pierre Fingermann 456 Greifvögel beringt.

Von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Rastatt ist Pierre Fingermann als Naturschutzwart mit Schwerpunkt Vogelpflege bestellt. Er päppelt zusammen mit seiner Frau Verena Jungvögel auf und pflegt verletzte Vögel. Der Landkreis Rastatt unterstützt die Arbeit der „Vogelpflegestation“, indem ein Zuschuss für Futterkosten zur Verfügung gestellt wird. Weitere finanzielle Hilfen erhalten die Fingermanns von der NABU-Ortsgruppe Rastatt und über Spenden. Über jeden ihrer Pfleglinge wird Tagebuch geführt.

In enger Kooperation mit der Presse betreiben die Eheleute Fingermann Öffentlichkeitsarbeit im Naturschutz und führen mit Schulen und Kindergärten naturpädagogische Maßnahmen durch (z.B. Apfelsaftpressaktionen auf der Streuobstwiese der Siedlergemeinschaft; „Erlebnistag Natur“). Für Mitglieder der Siedlergemeinschaft Münchfeld stellen sie regelmäßig den „Vogel des Jahres“ vor und organisieren bereits seit 13 Jahren jährlich eine „Nistkastenputzete“ (Kontrolle, Reinigung, und Aufhängen neuer Nistkästen).

Weiterhin führt Pierre Fingermann Beratungen für Feuerwehren über den Umgang mit Vögeln, die Menschen gefährlich werden können, durch.

Bei längeren strengen Wetterlagen und wenn die Futtersuche durch Dauerfrost und eine geschlossene Schneedecke stark behindert ist, wird von Pierre Fingermann eine Winterfütterung, z.B. für Mäusebussarde, durchgeführt.

Pierre und Verena Fingermann haben für die Münchfeldsiedler die Biotoppflegepatenschaft für eine ca. ein Hektar große Streuobstwiese übernommen. Hier haben Sie u.a. ein Storchennest, zwei Insektenhotels und eine Bioarche gebaut. 

Wie sind Sie zu Ihrer Tätigkeit gekommen?

Pierre Fingermann war beim Landschaftspflegebetrieb des Landkreises Rastatt beschäftigt und dort schon immer „Mädchen für alles“ (Korken- und Altbatteriesammlung, Betriebsfeste organisieren, Adventskranz-Binden usw.). 1993 gab es im Rastatter Residenzschloss eine Veranstaltung in Anwesenheit des damaliges Innenminister Thomas Schäuble. Außen im Schlosshof wurde ein junger >> Turmfalke von Tauben angegriffen und eine Menschenmenge bildete sich. Irgendjemand rief „der Fingermann muss her!“ und seitdem ist er die Kontaktperson für Vögel. Sein erster Zögling wurde wieder gesund und konnte ausgewildert werden.

Früher stand Pierre Fingermann noch im Kontakt mit der offiziellen Vogelwarte in Karlsruhe-Rappenwörth. Seit diese im Jahr´93 geschlossen wurde, pflegt er die Zöglinge selbst.

 

Allgemeines zu Greifvögeln

Greifvögel bezeichnete man früher auch als „Raubvögel“. Zu ihnen zählen alle Adler, Habichte, Bussarde, Sperber, Milane, Weihen und Geier. Falken und Eulen gehören streng genommen nicht dazu. Greifvögel erbeuten vor allem kranke oder schwache Tiere und ernähren sich außerdem auch von Aas. Sie helfen somit die gesunden Tierbestände zu erhalten und Krankheitsüberträger (wie auch Ratten) zu dezimieren.

Die Größe der Greife variiert stark. So bringt ein >> Baumfalken-Männchen gerade einmal 175 Gramm auf die Waage, während ein Steinadlerweibchen 6,5 Kilogramm schwer werden kann. In der Regel sind die Weibchen größer als die Männchen und so steht bei diesen auch größere Beute auf dem Speiseplan.

Man geht davon aus, dass alle Greifvögel in Einehe leben, die oft ein Leben lang hält. Manche Arten leben in Brutkolonien, bspw. der Schwarzmilan oder die Rohrweihe. Sie ernähren sich von massenhaft auftretenden Kleinsäugern.

Obwohl die Greifvögel, Eulen und Falken sehr nützlich sind, haben sie viele Feinde unter den Menschen und es kommt leider viel zu oft zu Übergriffen auf die majestätischen Vögel. Sie werden vergiftet, in Fallen gelockt oder von ihren Brutnestern vertrieben. Oft ohne dass die Täter dafür zur Rechenschaft gezogen werden.

 

Unter Artenschutz?

Wie alle Wildtiere sind auch Sing-, Greif- und alle anderen wildlebenden Vögel geschützt. Letztere noch mal besonders durch die europäische Vogelschutzrichtlinie. Etliche ihrer Pfleglinge stehen außerdem auf der roten Liste, wie der >> Steinkauz.

Da das Aufnehmen von Wildtieren verboten ist, dürfen Fingermanns nur verletzte Tiere pflegen und müssen sie danach wieder auswildern. Die Haltung von Wildtieren ist strengstens verboten.

 

Gibt es hier besonders bedrohte Vogelarten? Wie erkennt man sie?

In Baden-Württemberg gibt es eine Rote Liste und ein kommentiertes Verzeichnis der Brutvogelarten aus dem Jahr 2004, welche die Vögel in verschiedene Kategorien (gefährdet, stark gefährdet, vom Aussterben bedroht usw.) einteilen. Besonders seltene Arten in der Verwaltungsgemeinschaft Rastatt sind der Steinkauz und der >> Uhu

Welches ist der größte Vogel in dieser Region?

Der Schwan ist bei uns der größte Vogel und außerdem der größte Wasservogel in Mitteleuropa. An nächster Stelle kommen bei den Greifvögeln der Milan und der Habicht. Sie sind etwa gleich groß.

 

Wohin kann man verletzte Vögel bringen? Wie transportiert man sie am Besten?

Zuallererst sollte man bei Fingermanns anrufen und den Fund melden. Danach sollte der Vogel in eine kleine Schachtel gesetzt werden, auf keinen Fall jedoch in einen Vogelkäfig! In einem Vogelkäfig besteht die Gefahr, dass sich der in der ungewohnten Umgebung wild umherflatternde Vogel seine Federn bricht.

Besonders darauf hinzuweisen ist, dass Pierre und Verena Fingermann keine Exoten aufnehmen! In diesem Fall sei verwiesen auf spezialisierte Tierärzte, z.B. >> Hr. Dr. Britsch in Karlsruhe für Ziervögel und Exoten und >> Fr. Dr. Zebisch in Gaggenau für Geflügel, Wild-, Zier- und Zoovögel.


Worauf muss man achten? Können Greifvögel auch uns Menschen gefährlich werden?

Einige Vögel greifen u.U. Menschen an, wenn man ihnen zu nahe kommt oder sie sich bedroht fühlen. Dabei haben Vögel ganz verschiedene Methoden sich zu wehren: Fischreiher zielen mit ihrem Schnabel auf die Augen, Greifvögel „knallen“ ins Gesicht und der Schwan täuscht mit seinem Schnabel einen Angriff vor, um dann mit seinem kräftigen Flügel zuzuschlagen.

Wenn man allerdings darauf achtet, nicht zu nahe ans Nest/an die brütenden Elterntiere/an die Jungvögel zu kommen, sind die Tiere -wie eigentlich alle anderen auch- friedlich.

 

Wie kann man Vögel schützen?

Indem man Vögel nicht bei ihrem Nestbau verjagt (wie das oft bei Schwalben der Fall ist) oder stört.

Der beste Vogelschutz ist es, deren Lebensräume zu erhalten bzw. ökologisch aufzuwerten. Wo diese Möglichkeit nicht besteht, kann man Nisthilfen aufhängen. Nicht nur dabei steht Pierre Fingermann beratend zur Seite; es gibt auch Möglichkeiten z.B. bei Hausrenovierungen Vogelnester umzusiedeln, wobei Fingermanns auch ihre Hilfe anbieten.

 

Haben Sie einen Lieblingsvogel?

Pierre und Verena Fingermann schließen alle Pfleglinge ins Herz. Natürlich gibt es besonders schöne Vögel, wie z.B. die Schleiereule oder den Steinkauz, aber Lieblingsvögel haben sie keine.

Wie viele Vögel haben Sie schon gepflegt?

Seit Beginn ihrer Tätigkeit im Jahr 1993 bis heute haben Pierre und Verena Fingermann insgesamt 2556 Vögel bei sich aufgenommen (98 verschiedene Arten), darunter waren so seltene Arten wie der Steinkauz, der >> Raufußbussard und der >> Wespenbussard.

Im Jahr 2013 kann dann bei den Fingermanns 20-jähriges „Vogelpflege-Jubiläum“ gefeiert werden.

Im Jahr 2012 waren die häufigsten Patienten Turmfalken. Daneben wurden viele Wildenten und Saatkrähen gepflegt. Seit Beginn ihrer Tätigkeit sind Bussarde, Turmfalken und Mauersegler die Vogelarten, mit denen sie am meisten zu tun haben. Rekordtag war der sehr heiße 11.07.2011. An diesem Tag gewährten Pierre und Verena Fingermann 144 Tieren Vogelasyl.

Leider wird Pierre Fingermann auch zu vielen Unfällen gerufen, bei denen die Vögel elendig verenden. Auch von durch Lebend-Schlagfallen verletzte, von vergifteten und angeschossenen Vögeln wissen Pierre und Verena Fingermann zu berichten. Daneben werden sie nicht selten angerufen, wenn sich Schwäne durch Angelhaken oder achtlos weggeworfene Plastiktüten verletzen.

Besonderes Erlebnis/Anekdote?

Pierre und Verena Fingermann erhielten bereits zahlreiche Preise und Auszeichnungen für ihre ehrenamtliche Arbeit. Ein besonderes Ereignis war die Würdigung ihrer „ehrenamtlichen Initiative Vogelpflege“ im Jahr 2005 durch den damaligen Ministerpräsidenten Günther Oettinger und den damaligen Innenminister Heribert Rech.

Daneben könnten Fingermanns mit ihren „Vogelerlebnissen“ ganze Bücher füllen. Besonders erwähnenswert:

Eine dramatische und waghalsige nächtliche Schwanenrettungsaktion mit Hilfe eines Schlauchbootes und Unterstützung der Feuerwehr auf der Murg.

Das Einfangen einer Schleiereule, die sich in die Herz-Jesu-Kirche verirrt hatte. Sie hatte sich neun Tage mit Weihwasser ernährt und dadurch überlebt.

Die Rettung von Wildentenküken auf der Bundesautobahn. 40 Wildenten nisteten dort in einem Lärmschutzwall und deren Jungen machten eine Entdeckungstour auf die Autobahn. Nach einer Vollsperrung der Autobahn konnte die Polizei unter Anleitung von Pierre Fingermann die Tiere einfangen und in Sicherheit bringen.

Die Pflege von zwei verwaisten Schwanenjungen. Diese folgten Verena Fingermann auf Schritt und Tritt, kuschelten gerne mit Fingermanns Hündin und schauten abends mit wachsender Begeisterung fern. Diese beiden sind den Vogelpflegern besonders ans Herz gewachsen.

Die Umsiedlung einer ganzen Schwanenfamilie, die im Baggersee Ottersdorf lebte. Der Schwanenvater war von einem Mopedfahrer mehrmals traktiert worden. Der Schwan prägte sich das Motorgeräusch des Mopeds ein, war so rechtzeitig gewarnt als sich dieser wiederholt „seinem See“ näherte und konnte in aller Ruhe seine Attacken auf diesen vorbereiten.

 

Profi-Wissen

In Hamburg sind Schwäne Eigentum der Stadt, in England gehören alle Schwäne Ihrer königlichen Hoheit, der Queen.

Pierre und Verena Fingermann geben ihren Tieren keine Namen. Ein Schwan ist bei ihnen „Schwani“ und ein Storch ein „Klapperle“.

Auch in Rastatt gibt es „Wildtauben“. Diese sind eine Mischung aus Zucht- und Ringeltauben. Ringel-, wie auch Türkentauben sind geschützte Vögel (im Gegensatz zu den Stadttauben, erkennbar an dem geraden Schnabel) und wurden von Züchtern eingekreuzt, um größere Tauben zu erlangen. Kleinere Exemplare wurden wieder freigelassen und ziehen nun als „Wildtauben“ ihre Kreise. 

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